Josef Mikl 1929 - 2008

Zu Nestroy, 1999

Im Krieg war Nestroy lesen einfach, Stücke sehen schwer.
Unsere Klasse kam bis Grillparzer, bei mir erweckte er Ehrfurcht.
Ich las Grillparzer, aber nicht seine Stücke.
Damals, im Burgtheater, fiel der Felsen mit Rustan auf den Bühnenboden, der Aufbau rutschte und alles mit ihm.
Nach dem Lachen wurde die Vorstellung abgebrochen.
Später brannte der Boden.
Wir wurden ausgebombt, und mein Vater, als Maurer, richtete neben dem Casino Zögernitz eine alte Wohnung her.
Dort sah ich den ersten Nestroy: „Das Mädl aus der Vorstadt".
Eine wunderbare Aufführung.
In einem Saal mit Säulen, von den Architekten noch nicht zur Vernichtung übernommen, ohne modische, moderne Bühnenbilder und Kostüme, ohne maßlosen und humorlosen Blödsinn.
Einfach.
Nachher ging ein Ehepaar hinaus, es wollte keine scharfen Witze, keine erkenntnisreichen Verhältnisse, keinen Nestroy.
Was Aristophanes in Athen wurde, konnte Nestroy in Wien werden.
Die Wiener, ohne es zu wissen, waren der Stoff, der Kraftstoff für seine lebendigen Stücke, die länger durchhalten werden als alles andere sonst.
Alles, was gewesen ist, alles, was ist und noch kommen könnte, hat er bereits mit seiner Bühnen-Philosophie bearbeitet und erklärt.
 

in: Josef Mikl (Hrsg.), Josef Mikl, Johann Nestroy, Häuptling Abendwind, Vorabeiten, Bühnenentwürfe, Ölbilder, Graphik, 1994 - 1998, Wien 1999, S 2