Josef Mikl 1929 - 2008

Werner Hofmann: Ansprache zur Eröffnung, Galerie nächst St. Stephan, 1958

Als Mikl vor fünf Jahren in einem Raum in der Singerstraße ausstellte, sagte ich bei der Eröffnung, daß in Wien die jungen Maler in einem Reservat, in einem Ghetto lebten. Sie diskutierten und handelten in einem luftleeren Raum, über die Köpfe der anderen hinweg, ohne Anstoß und ohne Resondanz zu erregen.

 

Inzwischen hat sich manches geändert. Sogar die Wochenschau und das Fernsehen verirren sich hie und da in die Ausstellungssäle. Optimisten mögen sich mit diesen und anderen Symptomen zufrieden geben. Zur Zufriedenheit besteht jedoch nicht der geringste Anlaß. Denn dieses Pseudointeresse ist konjunkturbedingt. Es muß uns verdächtig sein, solange es mit der sogenannten Moderne kokettiert und solange dieser Flirt im Unverbindlichen endet. Der Lippendienst, der zu nichts verpflichtet, ist das bequemste Kulturalibi einer Gesellschaft, deren materieller Wohlstand zur geistigen Sklerose geführt hat.


Der Staat und die Stadt tun viel, sie streuen ihre Förderungsgroschen nach allen Seiten aus, sie unterstützen ebenso den guten wie den hungernden Maler. Über diee Art der Nivellierung wird oft Klage geführt, doch dabei bleibt es. Ich sehe niemanden unter der kulturellen Prominez unseres Landes, der bereit wäre, sichtbar für einen jungen Künstler einzutreten. Ich kenne keinen Dichter,keinen Abgeordneten, keinen Rechtsanwalt, keinen Kammersänger, und keinen Architekten, den man als Sammler unserer jungen Maler und Bildhauer bezeichnen könnte. Es fehlt heute nicht mehr das Geld, aber immer noch der mut und die Initiative. Ich empfinde djese Situation als grotesk, ich nenne sie beschämend und skandalös für die Stadt, die sich Kultur- und Kunststadt nennt.

Vor zehn Jahren hat Mikl zum ersten Mal in Wien ausgestellt. Schon damals war der Rang seiner Malerei offenkundig. Man umschreibt ihn am besten mit dem Wort souverän. Diese Bilder sind nicht hintergründige Tiefsinnigkeiten, nicht Spielball von Gefühlen, nicht metaphysisches Orakel - sie sind starke, große, großzügige Malerie. Bereits die ersten Bilder Mikls waren so: sie bewiesen ein stupendes formales Können, das Vermögen zum klaren Disponieren, eine Beherrschung, die zugleich Selbstbeherrschung war - sie bezeugten eine malerische Intelligenz von hohen Graden.

Sie waren bereits reife Leistungen - ich spreche das ohne Zögern und ohne Vorbehalt aus. Den, der sie gemalt hat, trifft nur ein einziger Vorwurf, der nämlich, daß er zu viele von ihnen später wieder vernichtet hat.

Inzwischen ist Mikl auf seiner Linie weitergegangen. Er hat sich nicht, wie das in den letzten Jahren üblich wurde, von der malerischen Materie ergreifen lassen, sondern hat von ihr Besitz ergriffen. Der Souveräne beweist sich dadurch, daß er entschlossen handelt.

Wer heute vor Mikls letzten Bildern steht, verspürt, das das Malen auch etwas anderes sein kann als eine bittere Qual oder eine dumpfe Orgie - daß es eine Lust ist, ein energischer Dialog mit dem Gegenüber der Leinwand. Man erlebt, daß Malen ein sinnhafter, materieller Vorgang ist. Diese Bilder überzeugen durch die vitale Dichte und Fülle ihrer Form - man steht blind vor ihnen, wenn man in ihnen Weltanschaungsbotschaften oder Steckbriefe des Innenlebens vermutet. Sie sind malerische Tatsachen. Wenn ich diese Kunst als souverän bezeichne, so meine ich damit zweierlei, nämlich daß hier ein Künstler sein Vorrecht auf Gestaltung nicht abtritt an das launenhafte Ungefähr, daß er aber auch nicht damit sich beschäftigt, romantische Nöte und innere Bedrängnisse zu registrieren. Es ist viel Mißbrauch mit dem Wort von der inneren Notwendigkeit getrieben worden, seit Kandinsky es vor 50 Jahren in den Umlauf brachte. Man hat es sich leicht gemacht, indem man sagte, der Künstler, früher ein Sklave der äußeren Wirklichkeit, habe sich nun endlich befreit und auf sein Eigenstes, auf sein innerstes Wesen zurückgezogen, er drücke nur mehr aus, was ihn bewegte, gleichsam die Notdurft seiner Existenz. Zweifellos wollte diese Unterstellung nur das Beste, nämlich die Rechtfertigung dessen, was auf der Leinwand geschieht, als Psychogramm, als Selbstbekenntnis. Indem man die KUnst als Konfession, als Innenschau deutete, glaubte man sie moralisch und künstlerlisch legitimiert zu haben.

Diese wohlmeinende Auffassung, die vom Expressionismus herkommt, ist zu korrigieren. Kunstwerke aben mit inneren Visionen, mit sogenannten zwingenden Notwendigkeiten wenig zu tun. Das Notwendige stellt sich auf der Leinwand ein. Sie sind Schöpfungen der Willkür, und sie sind um so größer je souveräner diese Willkür verfährt. Sie geschehen nicht im Kopf und nicht in der Anschauung, nicht in der Abstraktion und in der Spekulation, sondern auf der Leinwand. Sie sind konkrete Ereignisse - nicht Ideenkonglomerate, sondern Sichtbarkeiten.

Man befrage diese Sichtbarkeiten nicht immer so, als wären sie psychographische Aushängeschilder, als müsse jeder Pinselstrich geheime innere Regungen und Triebe des Malers offenbaren. Wer das Kunstwekr mit Idiskretionen und Offenbarungen verwechselt, wird schlecht bedient werden. Malerei ist eine Art, die Leinwand zu bewältigen, ihr eine farbige Realität zu geben. Die Aufgabe des Malers ist es nicht, diese Leinwand in Gefühl zu tränken, sondern mit einer farbigen Ordnung zu versehen.

Es muß mit Nachdruck daran erinnert werden, daß Kunst mit Inbrunst und Emotionen und moralischer Wahrhaftigkeit nur bedingt, hingegen mit Können unbedingt zu tun hat.

Das vehemente, von der insistierenden Wiederholung gesteigerte Pathos dieser Ansprache stützt sich auf ein ästhetisches Programm, Conrad Fiedlers THeorie der "reinen Sichtbarkeit", die auf mein Gestaltdenken entscheidenden Einfluß ausübte. Wer sich zu dieser Einstellung entschließt, schlägt den trockenen Weg der morphologischen Analyse ein. Zunächst bringt das den Abbruch divertierender Deutungs-Brücken mit sich. Am Ende freilich erschließt sich Bedeutung nicht als Hinzugedachtes, sondern aus der Form selbst....

 

aus: Josef Mikl, Monografie, Wien 1979