Josef Mikl 1929 - 2008

Über den Gegenstand, 1967

Das, was man sieht, das was man gesehen hat, läßt sich nicht ganz vergessen.
Daher gibt es keine ausgedachten, keine wirklich gegenstandslosen Bilder.
Ein Gegenstand macht das Bild erst sinnvoll.
Dieser sinnvolle Inhalt deckt sich mit der Form und der Technik.
Nur ein Hohlkopf kann von einem Bild behaupten, es sei ein schlechtes, aber gut gemalt oder der Erzeuger habe Vorstellungskraft ohne Form und so fort.
Zwangsweise hat der Bildinhalt einen figuralen Charakter, denn in einem Zusammenhang läßt sich das, was man meint, auch mitteilen.
Das Zeichen vor der Natur unterstützt dieses gegenständliche Denken. Der Baum, das Kind, der Akt, sie verhalten sich wie Proportionsmodelle dem Zeichner gegenüber, an ihnen lernt er die Raumgrößen auf Flächen übertragen, er lernt logisch denken.
Die Kunstgeschichte kennt nur logische Bilder, jedes davon ist eine Welt für sich und trotzdem unter dem Eindruck und mit der Erfahrung der Wirklichkeit gemacht; es muß allen Forderungen gerecht werden, selbst solchen, die Narren stellen: der Schulmeister, dem die Form genügt, der Oberflächliche, der nur die Technik sieht, und der Trottel, der nichts anderes als den Inhalt verlangt.

 

in: Josef Mikl (Hrsg.), Monografie, Wien 1979, S 38