Josef Mikl 1929 - 2008

Über das Unterrichten, 1972

Lehren an einer Kunstanstalt Persönlichkeiten, so sollen diese klugerweise beachtet werden. Beachtet heißt aber nicht, deren Ausdrucksweise zu kopieren. Es schadet, nachzumachen, fremde Ideen zu übernehmen und keine persönlichen zu haben. Es schadet, eine gegebene Handschrift oberflächlich zu verwenden, statt eine eigene zu entwickeln. Es schadet, theoretisch zu denken und nicht praktisch zu arbeiten.
Diese Erkenntnis sollte für den Studierenden nicht zu spät kommen, rechtzeitig könnte er seine menschliche Realität aufbauen, um nicht zu einem Vermittler fremder Gedanken und Ansichten zu werden. Wenn der Studierende Zeitungen und Kunstjournale liest, fernsieht oder gesprochene Kritiken hört, denkt er oft nicht an die Folgen. Seine Überlegung müßte sein: Nützt es meiner Person, hilft es meiner Unabhängigkeit, dient es meinem Verstand, wenn ich fertige, fremde Gedanken aufnehme, oder ist das Gegenteil der Fall.
Solange es journalistische Erzeugnisse gibt, weiß man um ihre Schädlichkeit.
Hier bei großen Schriftstellern nachzulesen, wäre jedem zu raten. Malerei lernen heißt, die Widerstandsfähigkeit des eigenen, wachsenden Gehirns zu verstärken. Malerei lehren heißt, den Lernenden bei dieser Tätigkeit zu helfen.

 

in: Graphische Sammlung Albertina: Josef Mikl - Zeichnungen, Wien 1979, S 35