Josef Mikl 1929 - 2008

Sophie Cieslar, Josef Mikl, Katalog Galerie Kovacek & Zetter, Mai 2014

„Josef Mikl war nicht nur Maler, sondern auch ein präziser Zeichner und zudem Intellektueller, Literat und Moralist. Seine Auffassung von der aufklärerischen Funktion der Kunst lief meist gegen den jeweiligen zeitgenössischen Mainstream. So lässt sich seine Malerei auch kaum in die bekannte Abfolge der Kunstströmungen in Österreich nach 1945 einordnen: Expressionismus, Spätkubismus, Surrealismus, Informel, „Neuer Realismus“ oder „Neue Malerei“ - kein einziger dieser Zugänge, die sich während seiner sechzigjährigen Malerlaufbahn herausbildeten und wieder in den Hintergrund traten, kann seine künstlerische Position annähernd genau beschreiben.“1 Vielmehr findet er seinen eigenen, einzigartigen Weg in die Abstraktion, der in einem beeindruckenden und vielfach beachteten Oeuvre seinen Niederschlag findet.

 

1929 in Wien als Sohn eines Handwerkers geboren, erzählt er von einer behüteten Kindheit.2 Schon als Kind ist ihm Lesen und Malen das Liebste und sein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien in der Meisterklasse für Malerei somit früh vorgegeben. 1951 wird Josef Mikl Mitglied des Art Club, einer wichtigen Plattform für Künstler im Nachkriegsösterreich. 1956 bildet sich um Monsignore Otto Mauer die „Gruppe St. Stephan“. Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky und Arnulf Rainer finden in dem kunstsinnigen Geistlichen einen Unterstützer und Förderer und erhalten die Möglichkeit, ihre Arbeiten einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Nähern sich alle vier auf ihre Art an die Abstraktion heran, so könnten die Ergebnisse nicht unterschiedlicher sein.

 

Josef Mikl selbst bezeichnet sich immer wieder als gegenständlichen Maler. Das Festhalten an in der Natur vorgefundenen Formen ist ihm Ausgangspunkt seiner Malerei und so finden wir in seinem Oeuvre zahlreiche Stillleben und Figurenbilder. Im Formalen allerdings weisen seine Arbeiten doch stark abstrahierende, bisweilen informelle Züge auf. Monsignore Otto Mauer beschreibt das treffend: „Mikl ist kein Imitator von Natur, noch weniger ihr Kopist; er übersetzt sie, transportiert sie, erlaubt sich dabei die Freiheit seiner eigenen Schöpfung und überschreitet das Interpretative, Hermeneutische.“3 Noch in der Akademiezeit bei Josef Dobrowsky in den frühen 1950er Jahren entstehen figurale Darstellungen, die im Sinne Fernand Légers Tubismus – einer speziellen Ausformung des Kubismus - an aus Röhren und Tuben zusammengesetzte Maschinen erinnern. Mitte der fünfziger Jahre tritt die Farbe in den Vordergrund, Büsten und Köpfe aus leuchtenden Quadraten und Kreisformen bilden statische, archaische Formen, die Mikl um 1960 herum wieder aufzulösen beginnt. Es folgt eine malerische Phase im Schaffen des Künstlers und die Farbe Orange, die in weiterer Folge in vielen seiner Bilder auftauchen wird, bildet leuchtendes Zentrum oder Hintergrund seiner Kompositionen. Immer wieder wird seine Malerei von einem reichen zeichnerischen Werk begleitet. Im Grafischen ist das Skelettieren und Herausschälen der Figuren aus ihrem Kontext leichter, oft ist hier der Ausgangspunkt im Gegenständlichen noch deutlicher sichtbar als in den Ölbildern. Beides ist in der Kunst Josef Mikls nicht zu trennen, grafisch skripturale, dünn lasierend aufgetragene Pinselstriche bilden das Gerüst seiner Arbeiten oder lockern im späteren Werk massiv übereinander getürmte oder nebeneinander gestapelte Formen auf. Die Übergänge von Malerei zu Zeichnung sind fließend, in Kombination mit der Farbe entsteht ein, wenn auch nicht eindeutig deutbarer, aber doch deutlich spürbarer bühnenartiger Raum ohne perspektivische Tiefe.

 

1968 stellt Josef Mikl als Vertreter Österreichs auf der 34. Biennale von Venedig aus und wird im Folgejahr mit knapp 40 Jahren als Professor an die Akademie der bildenden Künste in Wien berufen. Die öffentliche Anerkennung schlägt sich nun auch in verschiedenen Auftragsarbeiten nieder. 1975 bis 1976 entsteht das große Wandbild in der Kapelle St. Virgil in Salzburg, in den Folgejahren mehrere Glasfenster nach Entwürfen des Künstlers und 1994 erhält Josef Mikl den Auftrag zur Ausgestaltung des Großen Redoutensaals in der Wiener Hofburg, nachdem dieser bei einem Brand schwer beschädigt wurde. Bis 1997 entstehen ein großformatiges Deckenbild und 22 Wandbilder, die der Künstler mit riesigen Pinseln und Bürsten, die Leinwände am Boden liegend, in einem großen Atelier im Wiener Arsenal malt. Um die Fernwirkung der Bilder zu überprüfen, muss er dazu immer wieder auf ein Gerüst steigen, um den nötigen Abstand zu haben. Eine äußerst anstrengende Arbeit für den damals fast siebzigjährigen Künstler. Inspiration für dieses monumentale Werk holt sich Josef Mikl in der Literatur, Textstellen von Karl Kraus, Johann Nestroy und Elias Canetti dienen als Anregung und werden stellenweise in den Bildern zitiert.

 

Josef Mikl hinterlässt ein beeindruckendes, kompromissloses, sehr intellektuelles Werk, das einzigartig in der österreichischen, ja internationalen Kunstszene dasteht. Er hat einen Weg in die Abstraktion gefunden, die ihn aber den Boden des Gegenständlichen nie ganz verlassen ließ. Zeichnerisch, spielend setzt er die kleinen und auch die ganz großen Gesten in den für ihn typischen Gelb-, Orange- und Rottönen auf die Leinwand und bleibt dabei stets einem analytischen Aufbau verpflichtet. Es gibt in seinen Bildern immer ein Oben und ein Unten, ein Rechts und ein Links, jede Komposition, jeder „farbige Spannungsraum“4 ist auf seine Weise harmonisch und ausgewogen.

 

 1) Matthias Boeckl, Josef Mikl, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Nach 1970. Österreichische Kunst aus der Albertina, Wien 2008, S. 148

2) Josef Mikl im Gespräch mit Maria Rennhofer, in: Josef Mikl. retrospektiv 1947 – 2003. Ausstellungskatalog, Kunsthalle Krems, Krems 2004/2005, S. 9 f.

3) Vorwort zum Katalog: Hollegha, Mikl, Prachensky, Rainer, Galerie St. Stephan, Wien 1960

4) Werner Hofmann, in: Peter Baum, Zeichnung und Malerei: Im Spannungsfeld von Raum, Körper und Landschaft, in: Mikl. Ölbilder – Pastelle – Zeichnungen aus den Jahren 1948 bis 2008. Ausstellungskatalog, Galerie Welz, Salzburg 2009, o.S.

 

aus: Hollegha, Mikl, Prachensky, Abstraktion in Österreich, Katalog Galerie Kovacek & Zetter, Wien 2014