Josef Mikl 1929 - 2008

Sophie Cieslar, Hollegha, Mikl, Prachensky, Der Aufbruch in die Moderne in Österreich, Katalog Galerie Kovacek & Zetter, Mai 2014

Ein wichtiges Kapitel der österreichischen Kunstgeschichtsschreibung beginnt in den Nachkriegsjahren an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Hier trifft eine Generation von außergewöhnlich vielen begabten, jungen Talenten aufeinander. Zunächst einmal ist das die Malerklasse bei Albert Paris Gütersloh, die sein Sohn Wolfgang Hutter, neben Arik Brauer, Ernst Fuchs und Anton Lehmden besucht. Aus dieser Konstellation geht die Wiener Schule des Phantastischen Realismus hervor, die in Anlehnung an den französischen Surrealismus eine hyperreale Malweise pflegt. Als Gegenpol zu dieser Bewegung entwickeln Schüler der Meisterklasse von Josef Dobrowksy, der seinen Schützlingen stets äußerst freie Hand in ihrer Entwicklung lässt, geometrische Abstraktionen. Zu ihnen gehören Wolfgang Hollegha und Josef Mikl, beide besuchen gemeinsam mit Markus Prachensky auch den Abendakt bei Herbert Boeckl. Es wird herumexperimentiert, Farbfelder werden nebeneinander gesetzt, Gegenstände und Figuren in Anlehnung an Piet Mondrian und die Kubisten in geometrische Formen umgewandelt.

 

Das Künstlermilieu der Nachkriegszeit brodelt, man will alles in den Kriegsjahren Versäumte aufholen, das Trauma der NS-Zeit überwinden und an die internationale Entwicklung anschließen. “Diese ‚Mission’ war der Generation der um 1930 Geborenen, die mit dieser günstigen Ausgangsposition für Jahrzehnte den österreichischen Kunstbetrieb dominieren sollten, nur ansatzweise bewusst. Eher intuitiv entwickelten die späteren abstrakten und phantastisch-realistischen Maler an den vorerst wenigen Brennpunkten der Kunstdebatten nebeneinander ihr jeweiliges Programm.“ 1

 

1950 gründen Wolfgang Hollegha, Markus Prachensky und Josef Mikl gemeinsam mit Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Arnulf Rainer die „Hundsgruppe“ als Gegenbewegung zur klassischen akademischen Malerei. Eine erste und einzige Ausstellung der Gruppe findet 1951 in den Räumen der Wiener Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst statt. Eine wichtige Plattform für das kunstinteressierte Wien ist aber in den Jahren von 1947 bis 1954 der Art Club mit Albert Paris Gütersloh als Präsidenten. Im „Strohkoffer“2, ab 1951 sagenumwobenes Clublokal des Art Club unter der Loos-Bar in der Kärntnerstraße, gibt es Ausstellungen, Diskussionsrunden und legendäre Feste. Prominente Gäste wie Jean Cocteau bringen internationales Flair nach Wien, man tauscht sich über die auf Auslandsreisen nach Italien, Paris oder Amerika gewonnenen Erfahrungen aus, Musiker wie Fritz Gulda und Joe Zawinul sorgen für gute Stimmung. 1953 übersiedelt der Art Club in ein Ausstellungslokal über dem Dom-Cafe in der Singerstraße. Viele Möglichkeiten für zeitgenössische Künstler, ihr Werk zu präsentieren, gibt es im Nachkriegs-Wien nicht3 und so bietet der Art Club eine wichtige Gelegenheit, mit seinen Arbeiten an die Öffentlichkeit zu gehen. In dieser losen Vereinigung versammelt sich eine Vielzahl an unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die einander inspirieren und sich wilde Diskussionen über die unterschiedlichen Richtungen in der Kunst liefern. Eine genaue Mitgliederliste des Art Club gibt es nicht, wer mitmacht ist dabei. Die Namen derjenigen, die regelmäßig an Veranstaltungen und Treffen teilnehmen – hier keineswegs vollständig wiedergegeben -, lesen sich aber wie ein Who’s who der österreichischen Kunstszene: Wander Bertoni, Maria Bilger, Arik Brauer, Ernst Fuchs, Johann Fruhmann, Rudolf Hausner, Friedensreich Hundertwasser, Wolfgang Hutter, Maria Lassnig, Heinz Leinfellner, Anton Lehmden, Kurt Moldovan, Arnulf Neuwirth, Josef Pillhofer, Arnulf Rainer, Fritz Riedl, Carl Unger und Fritz Wotruba, sowie regelmäßig Josef Mikl und Wolfgang Hollegha. Vertreten sind auch Kunsthistoriker wie Otto Breicha, „einer der wichtigsten ‚Geburtshelfer’ der zeitgenössischen Kunst in Österreich“4, Alfred Schmeller, späterer Direktor des Museums des 20. Jahrhunderts im Schweizergarten, und Wieland Schmied, führender deutscher Kunstschriftsteller und späterer Leiter der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

 

Der Art Club ist für das Wien der fünfziger Jahre von größter Bedeutung und zwar nicht nur als Treffpunkt der Kunstszene, sondern auch als Umschlagplatz für Ideen. „Im gleichen Maß, in dem sich die Menschen im engen und rauchigen ‚Strohkoffer’ drängten, drängten sich dort die Eindrücke und Ideen. Begierig wurde alles Neue aufgesogen. Wir waren hungrig auf Nachrichten aus anderen Städten und Ländern, nach unbekannten Texten und Bildern... Hier war ein Tor zur Internationalität und es schien einen Spalt breit offen.“5 Einzigartig ist auch das kameradschaftliche Miteinander, das alle Gegensätze überbrückt, man will gemeinsam stark sein gegen das der modernen Kunst gegenüber feindlich gesinnte Umfeld.

 

In Österreich in jedem Fall bestimmend ist die Debatte „Surrealismus oder Abstraktion“; es wird heftig diskutiert, welcher Weg in die Moderne führt. Dabei vertreten Josef Mikl und Wolfgang Hollegha eine ganz eigene Position im „abstrakten Lager“. Sie wenden sich zusehends vom Geometrisch-Abstrakten ab und entwickeln sich in Richtung lyrischer Abstraktion und Informel. Ausgehend von der Malerei Wassily Kandinskys und Paul Klees entwickelt eine Gruppe von Künstlern in Frankreich das Informel als Gegenpol zur geometrischen Abstraktion. Zu ihnen gehören Jean Fautrier, Georges Mathieu und Ernst Wilhelm Nay, die den autonomen Einsatz der Farben, Formlosigkeit und Spontaneität propagieren. Zeitgleich parallel spielt in den USA auch im abstrakten Expressionismus und im Action Painting das sich der rationalen Kontrolle entziehende Unbewusste eine größere Rolle. Hier sind Künstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Clyfford Still oder Sam Francis zu nennen. All diese Strömungen werden genau studiert und fließen ins Werk der beiden Künstler ein.

 

1953 lernt Arnulf Rainer in Wien den katholischen Priester Monsignore Otto Mauer kennen, der ein Jahr später die Galerie nächst St. Stephan in den ehemaligen Räumen von Otto Kallirs „Neuer Galerie“ in der Grünangergasse gründet. Hier findet in den Folgejahren die österreichische Avantgarde eine neue Heimstatt. 1955 beziehen Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky ein gemeinsames Atelier in der Wiener Liechtensteinstraße und begründen im Folgejahr gemeinsam mit Josef Mikl und Arnulf Rainer die „Gruppe St. Stephan“. Otto Mauer wird zum wichtigen Mentor des Vierergespanns und die Galerie zum Stützpunkt der Künstler.

 

Otto Mauer, 1907 geboren, engagiert sich in seiner Jugend im Bund Neuland. 1931 wird er zum Priester geweiht, seine Meinung vertritt er stets vehement, was ihm in der NS-Zeit mehrere Verhaftungen und ein Predigtverbot einbringt; die Unterstützung durch Kardinal Innitzer und Prälat Karl Rudolf verhindert Schlimmeres. 1954, im Jahr der Gründung der Galerie in der Grünangergasse, wird er zum Domprediger in St. Stephan. Bald danach wird die Galerie Zentrum des österreichischen Informel und in weiterer Folge eine der wichtigsten europäischen Avantgarde-Galerien. Neben Hollegha, Mikl, Prachensky und Rainer zählen Kiki Kogelnik, Maria Lassnig und Oswald Oberhuber zu den fixen Galeriekünstlern. Im Laufe der Jahre sammelt Otto Mauer an die 3000 Arbeiten österreichischer Gegenwartskunst, eine bedeutende Sammlung, die sich heute im Wiener Dom- und Diözesanmuseum befindet. 1973 verstirbt der Geistliche unerwartet, sein Tod reißt eine Lücke in die österreichische Kunstlandschaft. Seit 1982 wird alljährlich in seinem Andenken der Otto-Mauer-Preis an junge Künstler vergeben.

 

Otto Mauer ist ein hinreißender Redner, der seine Galeriekünstler stets in Schutz nimmt. Als sich etwa der damalige Apostolische Nuntius einmal über die "Obszönität" der in der Galerie nächst St. Stephan gezeigten Bilder empört, reagiert Mauer mit den Worten: "Die wirklich Nackerten gibt's im Vatikan-Museum. Bei mir ist alles abstrakt!"6. "In den abstrakten Bildern findet Otto Mauer Aspekte der Transzendenz. Für ihn ist Kunst an sich religiös – sobald sie sich auf die Suche nach der Wahrheit macht.“7 Wolfgang Hollegha sagt in einem Interview zum 100. Geburtstag seines ehemaligen Förderers: „Für Otto Mauer war Religion und Individualität kein Gegensatz... Es gibt einen sehr schönen Ausspruch von Cezanne: Die Natur ist innen... für Cezanne war das Produkt seiner Anschauung, seine Bilder, sein Innen. Und das ist etwas, was die Wissenschaft natürlich nicht akzeptieren kann, was der Naturwissenschaft entgegengesetzt ist, dieses Innen... Das Innen jedes Menschen ist anders als das Innen eines anderen Menschen. Und das hat unbedingt etwas mit Religion zu tun.“8 Die jungen Künstler fühlen sich von Monsignore Mauer verstanden, er verteidigt sie gegen harsche Kritik, er reist mit ihnen, um sie mit den neuesten Strömungen bekannt zu machen und seine enorme Popularität im Ausland verschafft der Galerie und ihren Künstlern große Anerkennung. „Otto Mauer setzte sich in dieser Zeit mit großer Begeisterung und flammenden Reden für eine Malerei ein, die es bis dato in Österreich nicht gab und die, als es sie dann gab, vom aufgeklärten Großbürgertum ebenso abgelehnt wurde wie von der Presse. Erst das große positive Interesse aus dem Ausland lehrte auch heimische Augen anders zu sehen... Er war ein Mann, der Menschen einte in ihren Ideen und ihren Werken.“9

 

So ist der Nährboden für die jungen Künstler in den späten 1940er und 1950er Jahren trotz schwieriger Ausgangsposition ein günstiger. Die gegenseitige Befruchtung der unterschiedlichen Talente und die trotz dieser Unterschiede große Einheit im Kampf für die moderne Kunst in Österreich schafft ein außergewöhnliches Milieu, das in dieser Dichte einzigartig ist. Im Art Club und der Galerie nächst St. Stephan werden die Grundsteine für die abstrakte Malerei in Österreich gelegt. Nur unter diesen Bedingungen ist es Malern wie Wolfgang Hollegha, Josef Mikl und Markus Prachenksy gelungen, zur ihrer individuellen Interpretation der „gegenstandslosen“ Malerei zu finden. Durch ihre Professuren an der Akademie der bildenden Künste in Wien – Josef Mikl wird als erster 1969 berufen, Wolfgang Hollegha folgt 1972 und Markus Prachensky 1983 – prägen sie ihrerseits die nachfolgenden Künstlergenerationen. Ohne das beeindruckende Werk dieser drei großen Malerpersönlichkeiten würde sich heute sicherlich ein anderes Bild in der österreichischen Kunstlandschaft bieten. Ihr Oeuvre ist aus der nationalen und internationalen Kunstgeschichtsschreibung nicht wegzudenken.

 

1)Matthias Boeckl, Josef Mikl, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Nach 1970, Österreichische Kunst aus der Albertina, Wien 2008, S. 148 - 150

2)Von Fritz Wotruba wegen der mit Strohmatten ausgelegten Wände und der eher bescheidenen Größe so benannt.

3)Ab 1955 die von Fritz Wotruba geleitete, reaktivierte Galerie Würthle; 1960 bis 1971 die Galerie im Griechenbeisl von Christa Hauer und Johann Fruhmann; erst 1962 Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts im 20er Haus im Schweizergarten (erster Direktor Werner Hofmann, dann Alfred Schmeller).

4)Mythos Art Club – Der Aufbruch nach 1945, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Krems, Krems 2003, S. 8

5)Wieland Schmied, Eine Utopie, die nur 15 Monate währte. Erinnerungen an den Art Club, in: s.o., S. 20

6)„Monsignore zum 100er“ in: Salzburger Nachrichten, 14.02.2007

7)Otto Mauer – ein Priester als Kämpfer für die moderne Kunst, in: Religion auf ORF.at, 13.02.2007 (http://religionv1.orf.at/projekt03/news/0702/ne070213_mauer_fr.htm)

8)ORF-Interview mit Wolfgang Hollegha am 15.02.2007 „Zum 100. Geburtstag von Otto Mauer“, auf: http://religionv1.orf.at/projekt03/tvradio/ra_gedanken/ra_ged070216_hollegha_fr.htm

9)ORF-Interview mit Markus Prachensky am 12. und 15.02.2007 „Zum 100. Geburtstag von Otto Mauer“, auf: http://religionv1.orf.at/projekt03/tvradio/ra_gedanken/ra_ged070212_prachensky_fr.htm

 

 

Sophie Cieslar, Hollegha, Mikl, Prachensky, Der Aufbruch in die Moderne in Österreich, in: Hollegha, Mikl, Prachensky, Abstraktion in Österreich, Verkaufskatalog, Galerie Kovacek & Zetter, Mai 2014, o. S.