Josef Mikl 1929 - 2008

Rede anlässlich der Verleihung des Ö. Ehrenzeichens für Wiss. u. Kunst, 1990

(mit einem Zusatz gegen die Weltausstellung Wien-Budapest)

 

Die Malerei geht jeweils nur in eine Richtung, hin zur Wahrheit.
Sie blickt nicht zurück, sie sieht nach vorne, sie schreitet vorwärts – und trotzdem macht sie keine Fortschritte.
Nicht im Sinne des Fortschritts.
Sie ist, auf ihre Weise, einmal besser und einmal schlechter, einmal näher und einmal weiter weg vom Ziel.
Die Malerei arbeitet anders als die Technik, sie verbraucht keinen Strom, sie braucht keine Rechenmaschinen, keine Fernsehapparate, sie erzeugt keinen Sondermüll, nichts zum Wegwerfen.
Sie lebt nicht durch Leuchtstoffgalerien, ihr sind Flutlichtanlagen Katastrophen, Lautsprecher erinnern sie an Hitler oder Stalin – oder an Kirchenpfarrer, die sich sonst kein Gehör verschaffen können.
Die Malerei kostet wenig – wenn sie ernst gemeint ist.
Sie arbeitet für die Zukunft, über die Jetztzeit hinaus und oft gegen diese eingestellt, sie ist der Zeit immer einen Schritt voraus und wird daher vom Zeitgeist totgeschwiegen und verachtet.
Der Zeitgeist dekoriert gerne, er arbeitet mit der Masse als stärkster Kraft, mit der Sentimentalität, dem dummen Inhalt, der falschen Form, der schlechten Technik, der Scheinphilosophie des Kunstgewerbes.
Das Wort Zeitgeist ist eine Beleidigung.
Es lieben ihn die Unternehmer und Direktoren, die Politiker und Kirchenoberen.
Das ist die Regel, Ausnahmen sind kaum zu sehen.
Die Malerei verkehrt in dieser Gesellschaft nicht.
Sie muss Abstand halten, um etwas darstellen zu können.
Sie wirft keine Seitenblicke, sie sieht auf das Wesentliche, sei arbeitet mit der Zeit und dem Raum.
Zeit und Raum waren in ihr nie getrennt, sie wurden zusammen behandelt vom Anfang an – lange bevor der Ingenieur sich selbst und dann die Raumzeit erfand.
Die Malerei überwindet den Ingenieurverstand und das Reißbrett ebenso wie das Chaos und die Auflösung.
Da sie nicht kränkelt, bedarf sie nicht des Beichtvaters und nicht des Psychiaters.
Sie besitzt ihre Ordnung und kann einen Bau errichten, der unvergleichlich ist.
Wie sie entsteht und wo sie entsteht, ist ohne Bedeutung.
Der Maler Morandi verließ seine Heimat nie, aber er besaß mehr Einblick in das Weltgetriebe als so mancher weitgereister Kunsthausierer.
Morandi versäumte zeitlebens Kongresse, Kunstzeitschriften las er nicht.
Er hatte das Moderne Gefühl nicht, er hatte den Zeitgeist nicht.
Wien wird dieses moderne Gefühl ausreichend erhalten.
Unsere Regierung, die Fremdenverkehrswirtschafter und besonders die Rektorenkonferenz mögen es so.
Sie wollen die Weltausstellung.
Die Weltausstellung ist ein großes Verbrechen an der Umwelt. Millionen von Besuchern in Flugzeugen, Autobussen, Autos werden es beweisen.
Die Rektorenkonferenz möchte ästhetisch die vier Elemente der älteren Griechen, Wasser – Luft – Feuer – Erde, für das kommende Fremdenverkehrs-Chaos verwenden.
Sie hat das über diese vier als Fünftes absolut herrschende Abgas nicht berücksichtigt, verdrängt, wird danach von der Geschichte schlechte Noten bekommen.
Gute Professorennoten in den Fächern Angeben, Geldausgeben und Totmachen.

 

in: Josef Mikl (Hrsg.), Josef Mikl, Arbeiten 1988 - 1993, Wien 1994, o.P.