Josef Mikl 1929 - 2008

Peter Baum: Josef Mikl, Zeichnung und Malerei: im Spannungsfeld von Raum, Körper und Landschaft, 2009

Obwohl man Josef Mikl mit dem Stammteam der Galerie St. Stephan (neben Mikl bestand dieses aus Arnulf Rainer, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky) stets dem abstrakten Lager zurechnete, hat sich der 2008 verstorbene Künstler selbst immer als gegenständlichen Maler bezeichnet. Das Festhalten am konkreten Ausgangspunkt in der Natur, ob Stillleben, Äste, Pflanzen und Blüten, Büste oder der von Mikl zum Maßstab genommene weibliche Akt, war von Beginn an sein Credo und zwar auch dann, wenn Aufbau und Aussehen seiner Zeichnungen und Malereien stark abstrahiert waren und nicht selten geradezu informelle Züge annahmen.

Stilistisch anders, im Prinzip jedoch durchaus vergleichbar seinem Malerfreund und späteren Professorenkollegen an der Akademie der bildenden Künste Wolfgang Hollegha (beide Jahrgang 1929) hat auch Mikl Gegenstand und Naturvorbild nie aufgegeben und aus genauer Beobachtung und Analyse des Gegenstandes Nutzen gezogen. Derartige Erkenntnisse in den formalen Prozess der Bildfindung schlüssig einzubinden, zählt zu den entscheidenden Kriterien einer autonomen und zugleich klug einschränkenden Vorgangsweise, an der sich ebenso Spezifika wie Veränderungen und Fortschritte messen lassen.

 

Monsignore Otto Mauer (1907 - 1973), Leiter und Spiritus Rektor der von ihm und den genannten Künstlern 1955 /  56 gegründeten Galerie St. Stephan in Wien, charakterisierte Mikl bereits 1960, nach dem ersten Jahrzehnt eiiner konsequent vorangetriebenen, auffallenden künstlerischen Karriere, wie folgt: Mikl ist kein Imitator von Natur, noch weniger ihr Kopist; er übersetzt sie, transportiert sie, erlaubt sich dabei die Freiheit seiner eigenen Schöpfung und überschreitet das Interpretative, Hermeneutische. Mikl ist dem Tektonischen zugewendet; alles ist geordnet, nach Zahl, Maß und Gewicht. Das Ordnungsgefüge Welt bietet dem Geist die Befriedigung an, seine eigenen Kategorien in ihr wiederzufinden. (Vorwort zum Katalog Hollegha, Mikl, Prachensky, Rainer, Galerie St. Stephan, Wien 1960)

 

Die volle Subjektivität des Duktus, entwickelt und festgehalten in den Kanons klar abgegrenzter Aufgabenstellung und Motivaneignung, kennzeichnet aus heutiger Sicht ein großes, markantes Gesamtwerk. Es entspringt der elanvollen, präzise auf Papier oder Leinwand gesetzten Geste ebenso wie dem fortschreitenden analytischen Aufbau innerhalb von Motivgruppen, die immer wiederkehrend Mikls gesamtes Oeuvre kennzeichnen. Nach Werner Hofmann, der Mikl 1964 eine wichtige Einzelausstellung im damals neuen Museum des 20. Jahrhunderts in Wien einrichtete, ist es die "rhythmisch gebundene Form", die im relevanten Komplex vielfältiger Raum- und Körperbeziehungen die als Imperativ geltende, im Vordergrund jeder neuen Umsetzung stehende künstlerische Absicht unterstreicht. "Es geht, in der nüchternen Terminologie der Gestaltpsychologie, darum, das Verhältnis von Figur und Grund in farbigen Spannungsräumen zu veranschaulichen".

 

In losen Gruppen zusammengefasst verdeutlicht der vorliegende Katalog einen um 1948 / 49 einsetzenden künstlerischen Werdegang ausgehend von Aktzeichnungen in Graphit und Pastel beziehungsweise rhythmisch artikulierten Büsten und Figuren nur wenig später. In den um 1960 entstehenden freien Figurenbildern und Interieurs drängt Mikl, der bei Dobrowsky studierte und bereits 1951 Mitglied des Art-Clubs wurde, die - zumeist maßgeblich bestimmende - Zeichnung zugunsten einer flüssigen, in Akkorden zueinander gefügten Malerei zurück. Sein markanter Duktus etabliert sich zu diesem Zeitpunt als Trade Mark eines Künstlers und kritischen Zeitgenossen, der einen eigenständigen Platz in der europäichen Kunstszene erobert.

 

Einen vorrangigen Platz in dieser Ausstellung nehmen die Blumen- und Pflanzendarstellungen des Künstlers ein. Sie durchziehen von den frühen 1970er Jahren an ein in seinen Grenzen überlegt abgestecktes und gefestigtes Oeuvre, das sich in sämtlichen klassischen Disziplinen der bildenden Kunst fortlaufend manifestiert: in Zeichnung, Radierung, Lithographie, Siebdruck und den vielfältigen Techniken der Malerei bis zu Glasfenstern für den sakralen Raum (Salzburg-Parsch, 1956, Friedenskirche Hiroshima, 1961), Bühnenbildern, Kostümentwürfen und den beherrschenden, in dominierenden Abwandlungen von Rot ausgeführten Wandgemälden für den Großen Redoutensaal in der Wiener Hofburg (1994 - 1996).

Ein weißes Blatt mit wenigen sicheren Strichen räumlich zu erschließen und in Spannung zu versetzen, zählt zu den Besonderheiten eines kritischen Künstlers, für den Einsatz und wiederholende Exerzitien nie fremd waren. Der mit Tusche gezeichnete "Liegende Akt" aus 1969 ist ebenso wie die Katalognummern 16 und 17 ein hervorragendes Beispiel formal konzentrierter, auf den Punkt gebrachter Zeichenkunst, bereichert durch die Valeurs des Tuschestrichs. Die diagonale Stellung der Figur mit dem verdichteten Kopf links oben und dem nach rechts unten fließenden Körper zeigt eine beherrschte, mit Verve vorgenommene Erschließung des Raums. Sie fungiert als harmonische Klammer einer Komposition, die durch Knappheit besticht. Dies gilt auch für Mikls ähnlich gesehenen, 1973 entstandenen "Lindenast" und seine mit dünnerem Graphitstakkato gezeichneten, gleichfalls 1973 datierten "Maronizweige" und "Landrosen". Ob man den stark abstrahierten, zur Metapher stilisierten Ast seinem Titel gemäß betrachtet oder eher in Richtung Libelle oder leichter Flugkörper assoziiert, bleibt dem Betrachter überlassen. Das in einfühlsamer Schnelligkeit erfundene Abstraktum muss nicht unbedingt gegenstandsbezogen gedeutet werden, auch wenn Mikl behauptete, dass es gegenstandslose Bilder nicht gibt.

Mit dünnerem Strich demonstriert der Künstler graphische Genauigkeit und Elan bei "Maronizweigen" und "Landrosen". Bei den "Lilien aus Wörterberg", 1979, vervollständigt er den zeichnerischen Vorgang unter überlegtem Einbezug von Farbe auf nuanciert grauem Fond.

Immer wieder ergänzt der Maler den Zeichner. Wiederholt dominiert er in wichtigen Phasen eines Werks, dessen gewachsene, in Person und Auffassung grundlegend verankerte Balance zwischen Malerei und Zeichnung, zwischen Strich und Fläche nicht in Frage gestellt werden kann. Überzeugende Beispiele dafür sind die Katalognummern 28, 29 und 30 (alle um 1982 entstanden), aber auch die zehn Jahre jüngeren, eminent malerischen Kopf- und Figurenbilder mit den Katalognummern 42, 43 und 44. Farblich ebenso - auf Rot - reduziert wie intensiviert schließen alle diese Bilder Landschaftliches mit ein.

Die Autonomie des bildnerischen Vollzugs bleibt auch im Spätwerk die Messlatte eines zum festen Bestand der neueren Kunstgeschichte in Österreich zählenden Oeuvres zwischen Abgeklärtheit und Aufbruch.

 

 

Peter Baum: Zeichnung und Malerei: im Spannungsfeld von Raum, Körper und Landschaft, in: Josef Mikl Ölbilder – Pastelle – Zeichnungen aus den Jahren 1948 bis 2008, Galerie Welz, Salzburg 2009