Josef Mikl 1929 - 2008

Otto Mauer, Josef Mikl

Josef Mikl ist Realist, Objektivist in allen Schöpfungen und schämt sich dessen nicht, weil er das Modische verachtet; immer beschäftigen ihn die Strukturen des menschlichen Körpers, immer die Gesetzlichkeiten einer Landschaft; dem Gegenständlichen kommt mehr zu als der Charakter des Okkasionellen. Es zwingt zur Konfrontation und verlangt nach Deutung. Alles ist vorhanden, es muß nur entdeckt, entwickelt und vollendet werden. Der Maler ist kein Imitator von Natur, noch weniger ihr Kopist; er übersetzt sie, er erlaubt sich dabei die Freiheit seiner eigenen Schöpfung und überschreitet dabei das Interpretierende, Hermeneutische. Mikl ist dem Tektonischen zugewendet; alles ist geordnet "nach Maß, Zahl und Gewicht". Das Ordnungsgefüge Welt bietet dem Geist die Befriedigung an, seine eigenen Kategorien in ihr wiederzufinden. Die Koinzidenz der subjektiven und der objektiven, der hervorbringenden Welt des Geistes und der hervorgebrachten Welt der Natur gehört zu jener prästabilisierten Harmonie, die Erkennen und Erkanntwerden ermöglicht; in der ständig erregenden Korrelation von Objekt und Subjekt liegt die Spannung dieser Kunst.

Mikls Rötelzeichnungen suchen die menschliche Figur nicht dogmatisch zu definieren; sie umschreiben mit geistiger Leichtigkeit, geben Impressionen, die dennoch die Struktur meinen; sie umhüllen das Architektonische mit einem Gitterwerk, dessen Freiheit und schaubare Zufälligkeit von jener inneren Notwendigkeit diktiert ist, die einerseits im gedeuteten Objekt, andererseits in der freien Vorstellung des Geistes bewurzelt ist, die ihre innere Gesetzlichkeit besitzt. Mikl ist Humanist; er macht die menschliche Natur nicht zum Spielball willkürlicher Setzungen oder eines ständig wechselnden contrat social; er läßt aber ebenso keine definitorische Erstarrung zu, sondern betrachtet den Menschen als jenes Wesen, das selbst in Bewegung und Zeit imstande ist, sich sukzessive auszudrücken. In immer neuen Aspekten entwickelt sich die Physiognomik der menschlichen Figur, deren Geistigkeit als Selbstbewegung und Selbstbestimmung sichtbar wird und sich dadurch von allem unterscheidet, was Natur ist. Milieu wird da zur Situation, Entwicklung zur Geschichte, zum Vorgang, der das Ziel anvisiert, sich auf eine Vollendung hinbewegt, deren Inhalt noch unbekannt ist.

 

in: Mikl, Farbe und Figur, Ausstellungskatalog, Hamburger Kunsthalle, 1981, S 30