Josef Mikl 1929 - 2008

Otto Breicha: Zur Hawranek

[...] Bezeichnenderweise dann schon auf eigene Kosten im Selbstverlag wurden die späteren Hawranek-Bände „Die Hawranek und die Journalisten. 12 Katastrophen aus Österreich“ (1969), „Die Hawranek auf dem Mars. 12 Eingriffe in das Journalistenleben“ (1972), „Acht lose Arbeiten zum Verständnis der Hawranek“ (1982) und „Die Aufführung in der Sandgrube oder Der Müller und sein Kind“ (1987) herausgebracht. In Ausstattung und Layout ganz und gar vom Autor geregelt, gehören sie im Zusammenwirken von Text und Bild zu den hervorragenden Beispielen neuerer Künstler-Buchgraphik.

 

Gewisse geringfügige zeichnerisch-stilistische Unterschiede sind nicht das, worauf es dabei ankommt. Jeweils ist es ein ingrimmiger Mordsspaß. Mikl läßt die Hawranek wild herumschweifen. Ihre vielen Abenteuer sind zugleich mit den (vorzüglich totgebissenen, verbrannten oder ersäuften) Opfern dargestellt. Die Hawranek äschert ein Inka-Pressehaus in Pyramidenform ein, speist Zeitungsmenschen aus einer Rakete wie aus der Konserve. Kein Berggipfel ist ihr zu hoch. Zum Beispiel flitzt der Skandalreporter Gußeisen auf Rädern davon (was ihm nichts genützt haben soll). Es flügelt und schleicht seiner Wege Feuilletonpegasus und Fachfrau, Redaktionsdromedar und Zeilenmolch. Striche zucken und stöbern durcheinander, bravouröses Hakenschlagen, zuerst mehr schmissig, später kugelig gepurzelt, immerzu resolut drauflos. Neben den in den fünf Hawranek-Büchern reproduzierten Zeichnungen sind auch farbige Blätter entstanden, malerisch von erstaunlichster Frische und Lockerheit.

 

Gewiß ist die Figur der Hawranek die Frucht leidenschaftlicher Karl-Kraus-Lektüre (wie sie in der Generation, der Mikl angehört, wenigstens in Wien gang und gäbe war). Eine regelrechte Rachefurie, tritt sie an zur Vertilgung der Zeitungen und Journale, gegen den „Untergang der Welt durch schwarze Magie“. Wie die gewissen Satiren der „Fackel“ und in den gewissen Theaterspielen sind die von Mikl schadenfroh ersonnenen Begebenheiten Zeugnisse ähnlicher Betroffenheit. Die Hawranek springt herum „wie der Leibhaftige“. Sie sengt und plündert, was sie stört. Mikl tut etwas dagegen, indem er die Hawranek etwas dagegen tun läßt.

 

Wobei vom großen Ganzen seines Schaffens sehr wohl zu unterscheiden ist: die überaus vom Darstellenden und Gestalterischen bestimmten, ganz und gar „unliterarischen“ Bilder und Blätter von dergleichen anderen (freilich auch nur sehr bedingt „illustrierenden“) Absichten.

 

„Ob’s edler im Gemüth,
die Pfeil und Schleudern

des lieben Redakteurs erdulden,

oder durch Widerstand ihn beißen“

 

Schon in der Dobrowsky-Klasse (an der Wiener Akademie am Schillerplatz, wo Mikl später unterrichtete) war das dem Lehrer kurzerhand enteignete Atelier von papierenen Wandbildern mit boshaft ausführlichen Exekutierungen von Mißliebigem ausgeschlagen gewesen. Im weiteren waren es verschiedene unikate Kinderbücher (für Erwachsene), hand- und hausmacherne Text-Bild-Kombinationen wie die Hawranek-Bände auch; etwas für Verschworene, so recht Hervorbringungen jener Jahre, als das, was man trachtete und strebte, auf einem Blatt Papier (weil dort einzig möglich) am besten aufgehoben erschien. Mit der Hawranek erscheint dieses frühe kritische Verhalten, das Ausholend-Zähnezeigende und Herumfletschende, ins Spätere fortgesetzt.

 

 

In: Josef Mikl (Hrsg.): Josef Mikl. Monographie. Wien, 1979, S. 162 (mit Texten von Otto Breicha, Günter Busch, Werner Hofmann, Fritz Koreny, Otto Mauer, Josef Mikl, Albert Schulze-Vellinghausen).