Josef Mikl 1929 - 2008

Otto Breicha, Mit eigentümlicher Eindrücklichkeit, Zu Mikls Deckenbild für den Redoutensaal, 1997

Um 1950 herum galt unter den Jungen an der Wiener Akademie das Malen von "großen" Bildern als eine insbesondere Aufgabe und Herausforderung. Dafür, nämlich für ein Herstellen derartiger Bild-Werke, gab es indessen keinerlei Anlaß. Vielmehr bedeutete das Größerformatige ein Hinternis in vieler Hinsicht. Bei Mikl hat es bis 1976 gedauert, um ein entsprechend ausladendes  Wandbild in der Kapelle des Salzburger Bildungshauses St. Virgil auszuführen. Beinahe volle zwei Jahrzehnte später wurde er dann in einem internationalen Wettbewerb (in Konkurrenz mit Kunstgrößen wie Matta und Antes) ausersehen, den nach dem großen Brand restaurierten Redoutensaal künstlerisch zu gestalten.

Der diesbezügliche Vertragsabschluß erfolgte im Mai 1995. Ein halbes Jahr (bis zum Oktober 1995) wurde zunächst an dem vierhundertvier Quadratmeter großen Deckenbild gemalt. Dafür wurde im Objekt 227 im Arsenal ein eigenes, entsprechend weitläufiges Atelier installiert: dort, wo im Krieg Panzer- und Flugzeugmotoren produziert worden waren und auch heute noch technische Geräte getestet werden. Auf einer tennisplatzgroßen Fläche wurden Leinwandbahnen aufgeklebt, um mit Ölfarbe bemalt zu werden. Um das Gemalte in entsprechender Distanz zu kontrollieren, zimmerte man Hochstände unter dem Plafond, entstand für die kalte Jahreszeit eine beheizbare Kabine fürs gelegentliche Aufwärmen.

Was inzwischen bereits am Bestimmungsort prangt, ist in Anbetracht drängender Umstände unter starkem Druck entstanden, spannungsvoll (wie das bei Mikl ohnedies geschieht), in eindrucksvollen Farbschwüngen aufgrund etlicher Entwurfsarbeiten (Skizzen und Farbdispositionen), aber ohne eigentlicher Vorzeichnung.

Wer Mikls Kunst seit den späten vierziger Jahren beobachtet, kennt ihn als einen insgeheimen Konstruktivisten, der trotzdem (und immer mehr) in eine geradezu prächtige Farbibkeit und Spontanität geschwenkt ist. Eine neue (aber keinesfalls nur "wilde") Malerei malt er seit Jahrzehnten.

Und freilich hat er für diese monumentale Aufgabe zusammengefaßt, was die Eigenarten und Qualitäten seiner Kunst sind: beeindruckende Farbräumlichkiet und die starke Sogwirkung seiner Bildsprache. Immerzu sind es dabei figürliche Elemente und Vorstellungen, die zu gehöriger Bildwirkung gebracht, verteilt und kontrastiert werden, förmlich wie im Entstehen begriffen: wie es sich jeweils zusammenbraut, auf seine bestimmte Weise hervortritt und sich behauptet. Mikls Malerei (und so auch die seines Deckenbildes im Redoutensaal) ist eine aus dem Geist der Farbe und dem einer Genauigkeit, die aber nie kleinlich ist. Schon allein daraum ist Mikls Kunst, auch für den flüchtigen Betrachter, unverwechselbar.

Natürlich gibt es für das, was sich Mikl im Redoutensaal für diesen vorgenommen hat, ein regelrechtes "Programm". Auf den Wandbildern rundherum wird auf drei Lieblingsautoren des Künstlers eingegangen, wird auf Szenen von Raimund, Nestroy und Canetti, auf die besondere für Mikl typische Weise, angespielt. Das große Deckenbild ist dem großen Karl Kraus gewidmet, einem Schriftsteller, mit dem sich Mikl seit frühauf immer wieder (und immer wieder) ergiebig beschäftigt. Auf seiner Redoutensaal-Dekce wurde zum Beispiel insbesondere dargetan, was das Kraus-Gedicht "Jugend" bei ihm künstlerisch bewirkte. Daraum auch hat Mikl in seiner typischen Kritzelschrift (aber aus der Distanz für den Betrachter unbemerkbar) die vierundreißig Strophen des Gedichtes dem Bild tatsächlich ein- und untergebracht. Keineswegs so, daß damit (und mit dem Bild überhaupt!)etwas "illustriert" würde: es geht vielmehr um Ideen, um die "Idee" des Gedichtes, die hier auf Mikls Weise und mit der ihm eigentümlichen Eindrücklichkeit dargestellt wurde. Wenn das irgendwo tatsächlich geschieht, daß Geist den Körper schafft, so auf und mit diesem Deckenbild im Redoutensaal. Und wenn in spezieller künstlerischer Hinsicht Künstler gerade an ihrem späteren Werk gemessen werden sollen, so braucht Mikl auch nicht zu bangen, mit diesem Deckenbild dafür einzustehen und mit diesem gewogen zu werden.

 

in: Josef Mikl, Zum Deckenbild und zu den Wandbildern des großen Redoutensaales der Wiener Hofburg 1994 - 1997, Wien 1997