Josef Mikl 1929 - 2008

Matthias Boeckl: Josef Mikl, 2008

Josef Mikl war nicht nur Maler, sondern auch ein präziser Zeichner und zudem Intellektueller, Literat und Moralist. Seine Auffassung von der aufklärerischen Funktion der Kunst lief meist gegen den jeweiligen zeitgenössischen Mainstream. So lässt sich seine Malerei auch kaum in die bekannte Abfolge der Kunstströmungen in Österreich nach 1945 einordnen: Expressionismus, Spätkubismus, Surrealismus, Informel, „Neuer Realismus“ oder „Neue Malerei“ - kein einziger dieser Zugänge, die sich während seiner sechzigjährigen Malerlaufbahn herausbildeten und wieder in den Hintergrund traten, kann seine künstlerische Position annähernd genau beschreiben.
 
Mikl begann im brodelnden Wiener Künstlermilieu der unmittelbaren Nachkriegszeit, das eine besondere historische Aufgabe zu bewältigen hatte: Binnen weniger Jahre sollte nicht nur das Trauma der NS-Zeit überwunden und die Moderne der 30er Jahre wiederbelebt werden, sondern auch (teilweise über Anleitung durch die Kulturpolitik der Besatzungsmächte bis 1955) der Anschluss an die internationale Entwicklung gefunden und eine neue, junge und eigenständige österreichische Kunstposition im zusammenwachsenden Europa entwickelt werden. Diese „Mission“ war der Generation der um 1930 Geborenen, die mit dieser günstigen Ausgangsposition für Jahrzehnte den österreichischen Kunstbetrieb dominieren sollten, nur ansatzweise bewusst. Eher intuitiv entwickelten die späteren abstrakten und phantastisch-realistischen Maler an den vorerst wenigen Brennpunkten der Kunstdebatten nebeneinander ihr jeweiliges Programm.
 
Josef Mikl lernte 1946 bis 1948 zunächst das Grafikerhandwerk – eine Qualifikation, die sich später sowohl in seiner Zeichenkunst als auch in seiner publizistischen Begabung manifestieren sollte – und trat erst dann in die Meisterschule von Josef Dobrowsky an der Wiener Akademie ein, die er von 1948 bis 1955 besuchte. Parallel engagierte er sich in dem exakt zur gleichen Zeit aktiven Wiener „Art Club“, dem ersten undogmatischen Sammelbecken aller sich irgendwo „modern“ fühlenden jüngeren Künstler. Schon bald bildeten sich daraus mit der „Hundsgruppe“ (1951) und der Galerie St. Stephan (1954) neue Plattformen, welche die großen internationalen Strömungen des Realismus und der Abstraktion in verschiedensten Ausformungen vertraten – daraus wurden dann die konkurrierenden Gruppen der „Phantastischen Realisten“ und der „Malergruppe St. Stephan“. Josef Mikl, der stets intellektuelle, konstruktive und kulturkritische Positionen auf der Basis einer enormen literarischen Bildung vertrat, war einer der aktivsten Organisatoren und Meinungsbilder des St.-Stephan-Kreises um Monsignore Otto Mauer. 1969 wurde er als Erster dieser Gruppe als Professor an die Akademie berufen (Wolfgang Hollegha folgte 1972, Arnulf Rainer 1981, Markus Prachensky 1983). Aus guten Gründen wurde er mit der Meisterklasse für Naturstudien betraut, der Nachfolgeeinrichtung des von Herbert Boeckl 1939 bis 1964 geführten „Abendaktes“. Mikls Leidenschaft für das Konstruktive ist auch deshalb schwer einzuordnen, weil sie nicht im geometrischen Gewand auftritt, sondern stets organoid geblieben ist. Sie zieht sich von den frühen Aktzeichnungen von 1948, die Figuren wie Drahtkonstruktionen erscheinen lassen, über seine berühmten „Röhrenbilder“ bis zu den großen Wand- und Deckenbildern des großen Redoutensaales in der Wiener Hofburg, die er als letztes Monumentalwerk 1994 bis 1996 ausführte. Zudem trat die literarische Grundlage immer stärker in den Vordergrund – in das Deckenbild des Redoutensaals trug Mikl sogar die umfangreiche Textquelle von Karl Kraus ein. Mit Kraus, Nestroy und Canetti hatte sich Mikl eine klassische Trias österreichischer Dichter geschaffen, auf de er sich Zeit seines Lebens auch in seinen vielen gesellschaftskritischen Stellungnahmen bezog.
 
Das Ölbild „Große Büste“ (1969) und die Blätter „Ebene mit rotem Hügel“ (1982 – 1983), „Schwarze Ebene mit zwei Köpfen“ (1992) sowie „Kopf und Schreitender“ (1999) zeigen einen repräsentativen Querschnitt durch Stillagen, Techniken und Themen seines Oeuvres. Zuerst sticht in diesen Arbeiten die für Mikl typische Farbigkeit mit dominierenden Gelb-, Orange- und Rottönen hervor. Sodann fällt die durchgehend fehlende Tiefenräumlichkeit auf -bei Mikl stehen die Motive fast immer wie eine Zeichnung vor einem weitgehend neutralen Grund. Schließlich verrät die stets präzise austarierte Komposition ein geradezu klassisches Interesse an Proportionen und Gewichtsverhältnissen. So kann Mikl auch als der große Akademiker unter den „abstrakten“ österreichischen Malern der Nachkriegszeit, denen er selbst sich übrigens nie zugehörig fühlte, bezeichnet werden. Mikl malte nie gegenstandslos – Bildtitel und Augenschein sprechen hier eine klare Sprache -, sondern bearbeitete traditionelle Sujets mit dem bohrenden Interesse der Moderne an der Leistungsfähigkeit einzelner, zur Autonomie tendierender Bildmittel. Die allgemeine Erweiterung des Mediums Malerei um „neue“ Medien, um Objekt- und Performancecharakter, die sich zeitgleich mit seinem Schaffen entwickelt hatte, beantwortete er mit der Öffnung zu den „alten“ Medien der Zeichnung, der Literatur und der Geometrie.

 

Matthias Boeckl: Josef Mikl, in: Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Nach 1970, Österreichische Kunst aus der Albertina, Wien 2008, S 148 - 150