Josef Mikl 1929 - 2008

Aus einem Gespräch mit Wolfgang Drechsler

[...] Zum Bildwerden braucht es einen Inhalt. Das unterscheidet das Bild vom Muster, von der Dekoration – doch selbst Dekorationen bestehen aus Streifen, Ringen, Flächen. Aber alles, was sich hin zum Geistvollen, hin zur Wahrheit bewegt, bedarf einer Vorstellung, eines Inhaltes, eines Gegenstandes. Daher kann man nicht von gegenstandsloser Malerei sprechen. […]

 

[...] Nehmen wir zum Beispiel Mondrian. Mondrian arbeitete jahrzehntelang nach der Natur. Er begann mit Darstellungen holländischer Bauern, wie schon van Gogh, später malte er Landschaften, Bäume und baute folgerichtig daraus seine Abstraktionen. Aber gegenstandslos war Mondrian nie. Selbst seine letzten Bilder – „Broadway-Melodie“, „Boogie-Woogie“ – folgen einer bestimmten Vorstellung, haben Inhalt. Seine Schüler übertrugen geistlos, kamen nicht weiter als zum Muster, zum waagrecht-senkrechten Kanalgitter. […]

 

[...] Es kam doch darauf an, welche Informationen man wollte oder ob man überhaupt welche wollte. Rainer ging ins Ausland, um sie zu holen. Hollegha lebte stark von der Natur, in der er aufgewachsen ist, seine Beziehung zur Natur war noch größer als meine, denn ich bin ein Stadtkind, ich blieb in Wien. Prachensky hatte anfangs neben seiner Malerei Architektur studiert. Bereits wir vier verfolgten verschiedene Wege, keinen gemeinsamen. Informationen wollte ich nie. Ich las keine Kunsthefte. Als sie nach Wien kamen, französische, schweizerische, deutsche, interessierten mich deren Uhrenreklamen mehr als der künstlerische Inhalt. […]

 

[...] In der Literatur könnte man von einer umfassenden deutsch-schreibenden, einer deutschsprechenden reden, aber selbst hier, nicht nur in der Musik und Malerei, beginnen die Unterschiede. Man kann stolz sein auf die Entwicklung, die die österreichische Musik seit dem 19. Jahrhundert genommen hat. Es muß einen Grund dafür geben, daß diese neue Musik bei uns entstanden ist und nicht in Schleswig-Holstein. Und unsere Landschaft erzeugt – ich bin eben ein großer Anhänger der Natur – ebenfalls andere Bilder als die Lüneburger Heide. Auch der deutsche Expressionismus ist anders als der österreichische, wenn es bei uns überhaupt einen gegeben hat. Kokoschka, Gerstl, Boeckl sind keine Expressionisten. Und die deutsche Plastik hat wenig mit Wotruba zu tun. Wenn sich das alles jedoch verwischt zu einer gewissen Internationalität, dann zeigt eine Stahlplastik – etwa von 1970 –, ganz egal, ob sie in Düsseldorf oder am Voest-Gelände in Linz oder in Budapest oder am Nordpol steht, keine Unterschiede. Das hat mit der oberflächlichen Umsetzung unserer Kunstvertreter-Generation zu tun, die zwar mit dem Flugzeug schneller dort ist, aber nicht weiß, mit welcher Richtung. […]

 

[...] Der Staat hat mit unseren Steuergeldern ordentlich umzugehen, gut zu wirtschaften, alles, was teuer ist, zu vergessen. Er hat die besseren Beamten zu fördern und die schlechten zu entlassen. Und: Wer sich zur Malerei entschließt, soll auch ihr Risiko tragen, warum nicht. Jeder Beruf hat sein Risiko. Allerdings sind die schlechtesten Maler auch die besten Schnorrer.


Gespräch Josef Mikl – Wolfgang Drechsler. In: Wolfgang Drechsler: Ansichten. 40 Künstler aus Österreich im Gespräch mit Wolfgang Drechsler. Salzburg – Wien, 1992, S. 40 ff