Josef Mikl 1929 - 2008

Egon Kapellari: Über Sichtbares und Unsichtbares, 2004

"Die anatomisch gedachte Zeichnung denkt von innen nach außen" (Josef Mikl)

 

„Nicht Abbildung, sondern Formdeutung" hat schon Monsignore Otto Mauer als die Grundintention und treibende Kraft der Kunst von Josef Mikl erkannt. Daher geht es in Mikls Bildwelten um Prinzipielles, um Ordnung und grundlegende Gefüge. Er ist stets auf der Suche nach den inneren Strukturen seiner Gegenstände, die er in allgemeine Bildstrukturen zu übersetzen versucht und damit das Ordnungsgefüge der Welt in die Tektonik seiner Bilder transponiert. Aus dieser Suchbewegung entsteht aber nichts Statisches, vielmehr scheinen sich Farben, Formen und Linien im langsamen Zueinander - zuweilen ein wohlgeordnetes Gegeneinander zulassend - beständig neu zu entfalten. Imaginäre Räume entstehen, die sich auf den Betrachter zu bewegen, ihn einhüllen oder in eine imaginäre Tiefe schweifen lassen. Der Sensible spürt den langen Entstehungsprozess und oftmaligen fragenden Neuansatz in den Kompositionen, bevor sie dem Blick des Künstlers als vollendet standhalten und für andere Beschauer freigegeben werden. Immer wohnt den Bildern etwas eigenartig Ungezähmtes und bleibend Ungebändigtes ein. Sie scheinen weniger eine versuchte Antwort als die Generierung der Frage zu sein, was denn die Schönheit dieser Welt, die Ordnung des Kosmos sein könne. Mit dem Ausbalancieren von Farben, Formen und der Energie des Gestischen scheint Mikl sich zum Ordnungsgefüge der Welt vorzutasten, es weiter- und subjektiv neu zu bauen. Auch in seinen ruhigsten Kompositionen findet sich bei ihm nichts abgeschlossen Beruhigtes, organisch Wachsendes bleibt auch in Aussparungen, im Abwesenden anwesend. Trotz der bedächtig gefügten Farben und Formen erscheinen die präzise orchestrierten Bildkompositionen wie Momente einer längeren Entwicklungsreihe stetig neuer Bildfindungen.


Graphische, zuweilen handschriftlich anmutende Spuren verleihen Mikls Bildern etwas sehr Individuelles. Über einen langen Zeitraum entwickelt er einen sehr persönlichen Duktus im Graphischen, Schritt für Schritt fort- und weiterentwickelt aus den frühen zeichnerischen Anläufen, in denen technisch empfundene Bildstrukturen, Röhren und Maschinenhaftes dominierten, auch die Organik des menschlichen Körpers in technisch Maschinenhaftes transponiert wurde. Dem Linienspiel der späteren Werke – einer Schrift, als deren Inhalt sich das spontan Subjektive an sich erweist - ist diese Herkunft nicht mehr anzumerken, und doch erscheint es in gewisser Weise als eine logische, wenn auch mit viel freierer Organik gefüllte Weiterentwicklung. Die Frage nach der Konstruktion war schon immer eine Leitidee, ob am menschlichen Körper, an der Natur oder an der Maschine. Es ist die Tektonik eines Bildorganismus, die Mikl interessiert. Seine Bilder erscheinen nur auf den ersten Blick spontan hingeworfen, erweisen sich bei genauer Betrachtung einem sehr disziplinierten und immer wieder die eigenen Bildstrukturen hinterfragenden Arbeitsprozess unterworfen: eine aus ihrem Inneren erwachsende „Suggestion der Spontaneität“ (Wieland Schmied) ist ihnen zu Recht zugesprochen worden. Resultat einer konsequenten Arbeit am gestischen Moment des Malerischen, bei der sich der Zufall kongenial mit klarem Kalkül verschwistert.


Trotz ihrer einladenden, leuchtenden Farbigkeit – stets ein Fest für die Augen - sind die Bilder doch gleichzeitig von fast asketischer Strenge, auf Prinzipielles konzentriert. Auch wenn seit den 80iger Jahren das unmittelbar Gegenständliche mehr und mehr verschwindet, scheint das Objekt, das den Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung bildete, in seiner Struktur in die Bildordnung transformiert doch weiterzuleben. Was sich zum Geistvollen, zur Wahrheit bewegt, braucht einen Inhalt, einen Gegenstand, sonst verkommt es zum bloß Dekorativen, zum Muster, ist Mikls wiederholt geäußerte Überzeugung. Er hat sich nie als gegenstandsloser Künstler verstanden, „gegenstandslose Bilder gibt es nicht“, hat er apodiktisch in Bezug auf seine Kunst festgestellt.


Die Bilder erscheinen aus kontemplativer Versenkung erwachsen zu sein, auch wenn der Gegenstand der Betrachtung bis zur Unkenntlichkeit zurückgetreten ist oder nur mehr im Titel anklingt. Als religiöser Mensch ist man versucht, eine Parallele zu religiös inspirierter Kontemplation, zu christlicher Schau des Transzendenten zu ziehen: Das Taborerlebnis der Jünger Petrus und Johannes im Gefolge Jesu Christi – es ist vielen Erlebnissen christlicher Mystik verwandt - berichtet nicht von einer Auflösung der Gestalt, sondern von deren Verklärung in unsäglichem Licht. Nicht einer Idee, sondern einer konkreten Gestalt bleibt christliche Kontemplation stets verhaftet.
Es ist Betrachtung, Schau des Wesentlichen, worauf es vor einem Werk von Josef Mikl ankommt. Intellektuelles Suchen nach einer bloß geistigen Idee ist ein zum Scheitern verurteilter Irrweg. Die geistige Arbeit besteht im Schauen. Es ist nicht eine abstrakte Welt im Kopf, in der seine Bildwelten anzusiedeln sind – weder in ihrer Entstehung, noch in dem, was sie beim Betrachter hervorrufen sollen. Sie dringen in nicht sagbare und doch gestalterisch genau ausgelotete Räume vor, transzendieren den Gegenstand, ohne ihn ganz hinter sich zu lassen. Gerade darin bietet sich die Möglichkeit, Dinge nicht von ihrer Oberfläche her, sondern von ihrem Innern zu erfassen. Der Künstler hat den Weg gewiesen: Abstraktion meint Konzentration, letztlich geht es um das Einfache, nicht aber um Simplifizierendes.
So einladend die Farbenwelt Mikls auch sein mag, letztlich ist sie auch Ausdruck einer Verweigerung, dem Betrachter allzu leichtfüßig entgegen zu kommen. Die Bilder wollen ein Mühen, Versenkung, lassen sich nicht in der Flüchtigkeit des Augen­blicks erfassen.


Mikls Farben sind selten ganz opak, bleiben stets durchlässig für dahinter Liegendes. Wie Membrane zwischen geschichteten Bildebenen erscheinen die Farbflächen, nach vorne und hinten wie in Atembewegungen vibrierend. Es mutet wie eine ihnen immer schon einwohnende innere Notwendigkeit an, dass Mikl diese Bewegung auch in der Technik des Farbglasfensters verwirklichte (u. a. in der Kirche in Salzburg-Parsch, in Asten, St. Margarethen oder der Friedenskirche in Hiroshima). Schon die Entwürfe atmen den Geist diaphaner Schichtungen, die begrenzen, aber nicht abschließen, sondern öffnen. Glasfenster erfassen und durchdringen in sich materialisierender Farb-Licht-Substanz den ganzen Raum; Außen und Innen, Davor und Dahinter werden durch leuchtende Strahlkraft zusammengebunden. In diese formale wie geistige Bewegung lässt sich die spirituelle – Inkarnation und Auferstehung als Ineinander von Diesseits und Jenseits – gut einbergen: das Mysterium klingt an, ohne, dass es sich in klare Verstandeslogik zwängen müsste.


Auch hier eine Annäherung in aller Offenheit und doch – wer sich der Kraft und Präsenz der Bilder Mikls aussetzt, wird deren Entstehung aus innerer Notwendigkeit spüren - nach klaren Prinzipien gefügt. Ihre Stärke ist untrennbar damit verbunden, dass sich das eigentlich Bewegende - die Frage – nicht in abgeschlossen Ruhendem domestiziert findet. Die Formen scheinen wie im Entstehen innezuhalten, in genauer Balance der Komposition und doch darauf angelegt, im Schauenden weiter zu wachsen.

 

 

Egon Kapellari: Über Sichtbares und Unsichtbares, in: Carl Aigner und Tayfun Begin (Hrsg.): Josef Mikl, retrospektiv 1947 - 2003, Wien 2004, S 43 - 45