Josef Mikl 1929 - 2008

Der Bildungsschwätzer, 2. Fassung, 2008

Der Bildungsschwätzer arbeitet in der Kunst wie der Archivar im Museum, der Bilder und Plastiken ordnet, von oben nach unten, von links nach rechts, aber dahinter kommt er nicht.
Als Gutachter entscheidet er sich für das Schlechte.
Ihm fehlt die Einsicht, dass Kunst abwechselnd und zusammenwirkend aus Handwerkerfleiß, Konzentration, Qualitätsgefühl und Erfinderschicksal besteht.
Diese Tugenden fehlen dem Schwätzer, dafür hat er das Hohe, das Tiefe und den Fortschritt, denn wie das Chamäleon und das Wiesel glaubt er an den Fortschritt, aber auf diesem Gebiet gibt es keine Fortbewegung – wie könnte sich die Wirklichkeit fortbewegen?
Bildung und Wirklichkeit sind Gegensätze, daher sucht der gebildete Schwätzer die Sekundärliteratur und seinen Trost bei den Kunstkarten und Katalogen.
Für ihn ist die Reproduktion das einzige Sichtbare: so tief steckt sein Besucherkopf im Bildungssand. Der Besucherkopf spricht auch vom Kunstkonsum, dieser Ausdruck ist eine von den Medien verbreitete Beleidigung.
Viele Ausdrücke unserer Bildungsmedien sind Beleidigungen, sie sind das Futter für den Bildungsschwätzer, der nebelhaft lebt, oft mit Ehren und Würden verschwindet – und keine Kunst gefunden hat.

 

 

in: Josef Mikl, Arbeiten 1998 - 2008, Wien, S 109

 

erste Textfassung in:

Josef Mikl (Hrsg.), Monografie, Wien 1979, S 226