Josef Mikl 1929 - 2008

Carl Aigner: "Meine Bilder sind oft Stillleben", 2004

„Meine Bilder sind oft Stilleben“

 

Es mag auf den ersten Blick überraschen, daß ein Künstler wie Josef Mikl – einem der künstlerischen Paradigmen der avancierten Moderne im Österreich nach 1945 und nachdrücklich immer wieder der abstrakten und gestischen Malerei zugeschrieben – ein derartiges Resümee seines Schaffens zieht. Und dennoch: Sowenig Mikl ein „abstrakter“, ein rein „gestischer“ Maler und Zeichner ist, sosehr ist das Stilleben – neben dem Thema Körper – bestimmende Bildform seines gesamten, im Verlaufe von fast 60 Jahren entfalteten Oeuvre.

 

Nun ist die Kunstgeschichte des Stillebens so vielfältig wie die Epochen, die dieses transformativ durchwandert hat. Thematisch zwischen Porträt, Landschaft, Historienmalerei und Genrebild changierend, ist auch seine begriffliche Definition keine lineare: „Bei dem Wort Stillleben bzw. seiner ursprünglichen niederländischen Form stilleven handelt es sich um eine künstliche Sprachschöpfung, die aus der Atelierpraxis der Malerei entstand. Das Adjektiv still bezieht sich auf den Gegenstand der Darstellung und meint, dass dieser unbewegt, stillliegend sei, während das Substantiv Leben nicht in der Bedeutung von lebendig verwendet wird, sondern sich auf die Art der Darstellung, das Malverfahren bezieht und bedeutet, dass die gemalten Dinge dem Maler leibhaftig vor Augen standen, dass sie, wie der niederländische Fachausdruck der Maler lautet, naer het leven gemalt sind.“1 Als „natura morta“ und als „nature morte“ sind Stilleben nicht nur seit ihrem autonomen Status im 16. Jahrhundert, sondern insbesondere auch seit der Moderne bis hin zur Postmoderne fokussierende Bildstrategien, auch wenn sie gerade nach 1945 in Österreich immer wieder zu den konservativeren, wenn nicht gar reaktionären Bildfindungen gezählt werden.2

 

Es sind auch seine Eigenwilligkeit und seine Verweigerung gegenüber Moden, wie Otto Breicha nachdrücklich schreibt, die Mikl hinsichtlich dieser Bildform eine Offenheit und Neugierde ermöglichen und zu einer prinzipiellen und kontinuierlichen Auseinandersetzung führen. Bis Mitte der sechziger Jahre ist es wohl mehr eine unbewußt angestrebte Bildlösung, die bereits mit der Thematisierung des menschlichen Körpers als maschineller Konstruktion sichtbar wird, wiewohl gerade dieses Sujet fast zwangsläufig zu Formen des Stillebens führt. Ab 1965 und vor allem wieder seit Mitte der siebziger Jahre ist das Stilleben explizites Terrain (schon die Titel verweisen darauf – „Stilleben mit Pinsel und Tuben“ aus dem Jahre 1965 zum Beispiel –, aber ebenso auf das selbstbezügliche Moment des Umgehens damit, auf die künstlerische Selbstreflexion gewissermaßen).

 

Botanisches wie Pflanzen, besonders Blumen, Holzspielzeuge, Tiere und zahlreiche andere unmittelbare und fernere Gegenstände und Objekte avancieren zu motivisch wiederkehrenden bildnerischen Reflexionen. Ölbilder auf Papier, Redisfeder-, Graphit-, Kreide-, Pastell- und Tuschezeichnungen, aber auch (wenige) Aquarelle zeigen das Ineinander bildgebender Verfahrensweisen und deren gegenseitige Verschränkung beziehungsweise gleichberechtigte Einbezogenheit.

 

Gerade die – im engeren Sinne zu verstehenden – Stilleben wirken wie Brenngläser des künstlerischen Bildwillens, der quasi-dialektisch formiert wird: Gegenstandsnähe und souveräne freie Gestaltung, Natur und Kunst als Grundton also,3 Form und Inhalt, Bildfläche und Objektplastizität, also Fläche und Raum, Hintergrund und Vordergrund, Spontaneität und minuziöses Bilddenken, Ganzes und Fragment, Organisches und Architektonisches, Offenes und Geschlossenes, Dynamisches und Innehaltendes, Minimales und Opulentes, Komposition und Auflösung, asketischer und üppiger Einsatz von Farbe, Leichtigkeit und Gewichtung, Transparenz und Verhüllung sind nur einige der Bildstrategien, mit denen sich der Wille zur Überwindung von Vorgegebenem und der Einsatz für die Gewinnung von Neuem nachdrücklich manifestiert.

 

Kein anderer Künstler in Österreich vollzieht dabei mit der Form und dem Thema des Stillebens eine derart virtuose und aktuelle Symbiose von Malerei und Zeichnerischem wie Mikl. Subtil und radikal zugleich geht es um das Beharren auf das eigene Sehen, dem im Spannungsfeld von „spontan“, „zufällig“ und „konstruieren“ das bildnerische Erkennen folgt.

 

Per se schon „haftet“ das Stilleben am Bildgegenstand, egal ob allegorisch oder buchstäblich. Dies scheint ein wesentliches Motiv für Mikl zu sein, sich für diese Bildform immer wieder so extensiv zu entscheiden. Die Notwendigkeit einer präzisen Bezugnahme einerseits, die Möglichkeit einer Aufhebung derselben andererseits eröffnen jenes Spannungsfeld zwischen Explizitem und Implizitem, das spätestens seit Cézanne ein Traum und ein Trauma der Bildenden Kunst zugleich ist: „Es steht schlecht. Man muß sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet.“ (Paul Cézanne)

 

Die Bildgattung des Stillebens ist merkwürdiger- und bezeichnenderweise genuin mit Fragen und Themen des Existentiellen „behaftet“: Vanitas und Memento mori, bacchanalische Szenerien, Flora und Fauna, Mythologisches, der Wettstreit zwischen Kunst und Natur, um nur einige zu nennen. Josef Mikl ist sich dessen nicht nur bewußt, sondern sucht in seinen Stilleben eine zeitgenössisch- universelle Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart. Das subtile Ausloten und nuancierte Balancieren von Inventio und Imitatio, Vorstellung und Darstellung, Weltfindung und Weltverwerfung ist auch hier ein dialektischer Prozeß, dem sich der Künstler in einer anthropologischen Dimension stellt.


1 Karl Schütz: Die Geschichte des Stilllebens. In: Wilfried Seipel, Klaus Ertz, Karl Schütz et alii (Hrsgg.): Das flämische Stillleben 1550–1680. Lingen: Luca-Verlag, 2002, S. 17 f. (Ausstellungskatalog).

 

2 Vgl. z. B.: Brigitte Buberl (Hrsg.): Cézanne Manet Schuch. Drei Wege zur autonomen Kunst. München: Hirmer-Verlag, 2000; im Sinne postmoderner Zitationen im künstlerischen Bereich von Photographie und Neuen Medien siehe: Carl Aigner (Hrsg.): Diskurse der Bilder. Photokünstlerische Reprisen kunsthistorischer Werke. Wien, 1994 (Ausstellungskatalog Kunsthistorisches Museum Wien); und: Das grosse Stilleben. Le petit Grand-Magasin. Basel, 2004 (Ausstellungskatalog Museum Tinguely Basel), das die Aktualität dieser Bildgattung erneut demonstriert.

 

3 Die neuen „naturalistischen Akzente“ seit den späten sechziger Jahren können nur dialektisch und bedingt auf die veränderte Lebens- und Berufssituation bezogen werden (1972 übernimmt Mikl die Meisterschule für Naturstudien und Abendakt an der Akademie der bildenden Künste Wien, im darauffolgenden Jahr erwirbt er im Südburgenland ein altes Weinverwalterhaus); das Spannungsfeld zwischen Natur und Abstraktion, das Mikl über die Jahrzehnte in immer neuen Facetten und mit eigener „Handschrift“ gestaltet, ist ein Charakteristikum seines OEuvre – gerade seine frühen Körperarchitekturen und -konstruktionen zeigen dies eindringlich.

 

In: Josef Mikl, retrospektiv 1947 -2003, hrsg. Von Carl Aigner, Tayfun Belgin, Wien 2004, S 112 - 114