Josef Mikl 1929 - 2008

Artur Rosenauer: Einleitung, Katalog Arbeiten 1988 - 93, Dezember 1993

Wenn man bedenkt, dass Josef Mikl auf eine mehr als 45jährige Karriere zurückblickt, so beeindruckt die ungebrochene Vitalität seines Schaffens. Gerade die Bilder der letzten drei Jahre zeigen eine neue Intensität und Freiheit der Komposition. Mikl, eine prägende Persönlichkeit der österreichischen Moderne, hat die Fähigkeit, sich zu wandeln und zu erneuern, bis heute in einem erstaunlichen Maße bewahrt: wobei diese Sich-Wandeln auch ein Zurückkehren zu Positionen, die er schon früher vertreten hat, bedeuten kann – ein Sich-selbst-Finden im Weiterschreiten.

 

Mikl folgt seinen Prinzipien, bewegt sich aber nicht auf einer glatten, geradlinig vorgezeichneten Straße, sondern nimmt Umwege in Kauf, um zu neuen Erfahrungen zu gelangen. Eben das macht seine Kunst lebendig und verleiht ihr Spannkraft.

 

Verglichen mit den Malereien der 80er Jahre spielen seit 1990 Rot-Blau-Kontraste eine entscheidende Rolle. Zwar konnte man schon seit 1986/87 feststellen, dass nach langer Zeit Blau wieder in den Bildern auftaucht – allerdings noch ein zurückgenommenes, ins Violett gebrochenes Blau. Aber nun wird Blau zusammen mit Rot, gegen das es in lebendiger Weise gesetzt wird, zur dominierenden Farbe. Das Gegen- und Miteinander von Blau und Rot – gelegentlich kommen auch Schwarz und Gelb dazu – verleiht den Bildern Vitalität und gleichzeitig den Charakter des Dezidierten, Entschiedenen.

 

Mit dieser Rot-Blau-Spannung kehrt Mikl zu einer Palette zurück, die wir schon aus der Zeit um 1960 kennen. Die Gegenüberstellung der „Blauen Figur mit Rot“ von 1960 mit den Bildern der letzten drei Jahre macht dies deutlich.

 

Dennoch: trotz, oder vielleicht wegen der Übereinstimmungen fällt auch das Anders-Sein besonders auf. Im Bild von 1960 fügen sich die Farbströme besser in das Rechteck des Bildfeldes ein und verstärken und verstreben es. Man kann von einer Rahmengerechtigkeit der Komposition sprechen. In den Arbeiten der letzten Jahre betonen die mächtigen Kurven die Diagonalen und verstoßen gegen das orthogonale Gerüst des Rahmens. Der aus der weit ausholenden Armbewegung resultierende Strich des breiten Pinsels gibt den Kompositionen die Spannkraft einer elastischen Feder. Aus den gegeneinander wirkenden Kräften resultiert ein lebendiges Gleichgewicht. Im Vergleich damit scheinen die Kompositionen der 80er Jahre von einem schwebenden Gleichgewicht bestimmt zu sein. Auch wenn die monumentalen Kompositionen den Charakter des Definitiven haben, so vermittelt der lebendige Duktus den Eindruck des Geworden-Seins. Die Werke gestalten sich im Schaffen und gewinnen ihre Form im Arbeitsprozess. Jedes Bild wird in der Auseinandersetzung mit der Leinwand, mit der Farbe zum Abenteuer und Wagnis. Nichts steht von vornherein fest. Der Künstler beobachtet, feilt, verwirft, vernichtet – und rettet. Dabei strahlen diese Bilder eine unerhörte Sicherheit aus, eine Sicherheit, die aber nie zur Routine erstarrt – sondern die im Gegenteil das Experiment erst ermöglicht. Malen ist für Mikl ein Trapezakt, eher wäre er bereit zu scheitern als zu erstarren. Gerade in der Lebendigkeit und Intensität der Werke liegt die Aktualität der Kunst Mikls, die nie von Moden, sondern stets von Überzeugungen bestimmt ist.

 

Nie gleiten die Kompositionen bei Mikl ins Ornamentale oder Dekorative ab. Er selbst erklärt dies aus seiner unermüdlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, der im fertigen Bild bis zur Unkenntlichkeit zurücktreten kann und auf den oft nur noch die Bildtitel verweisen. „Zum Bildwerden braucht es einen Inhalt. Das unterscheidet das Bild vom Muster, von der Dekoration … Alles, was sich hin zum Geistvollen, hin zur Wahrheit bewegt, bedarf einer Vorstellung, eines Inhaltes, eines Gegenstandes“.

 

Jedes Bild Mikls hat seine Präsenz; es hat das, was man im Englischen als „wall power“ bezeichnet. Es beherrscht die Wand als eine kontrapunktische Setzung, die dazu zwingt, sich mit ihr auseinander zusetzen und an der man sich durchaus auch stoßen soll. Oft gibt es in den Bildern etwas, das den Eindruck des Dekorativen stört – zerstört.

 

Die Konzeption und das Herstellen des Bildes modifizieren und bedingen sich gegenseitig. Ist das fertige Bild wirklich fertig? Und könnte das unvollendete Bild nicht dennoch schon fertig sein? - das sind Fragen, die den Künstler beschäftigen und die sich auch der Betrachter stellen sollte. Man kann an sich selbst immer wieder beobachten, dass das Sich-Einsehen in die Werke Mikls alles andere als einfach oder selbstverständlich ist. Was im Augenblick als unverständlich scheinen mag, könnte sich in der Distanz einiger Jahre als neue Qualität erweisen. Selbst wenn man sich nur eine Stunde lang mit den Bildern beschäftigt, verändert sich das Profil der Wertigkeit. Vielleicht stehen wir ihnen einfach noch zu nahe? Möglicherweise werden es die Generationen nach uns in ihrem Urteil leichter haben. Mikls Werk zwingt dazu, sich mit ihm gründlich vertraut zu machen und verlangt andererseits vom Betrachter flexibel genug zu sein, das eigene Urteil zu revidieren und die Bilder immer wieder kritisch zu befragen.

 

Es fällt nicht leicht, die Bilder zu beschreiben und man soll es sich auch schwer machen. Mikl mag schwierig sein und nicht bereit sein, dem Betrachter entgegen zukommen – dennoch strahlen seine Bilder in ihrem Selbstbewusstsein und in ihrer Entschiedenheit eine Lebensfreude aus, der man sich kaum entziehen kann. Vor etwa 100 Jahren hat Bernhard Berenson im Zusammenhang mit der Florentiner Malerei der Frührenaissance – also in einem ganz anderen Zusammenhang – von der lebenssteigernden Qualität einiger Bilder gesprochen - „life enhancing quality“ ist ein Begriff, den man durchaus auch auf das Schaffen Josef Mikls anwenden könnte.

 

Dezember 1993

 

 

Artur Rosenauer: Einleitung, in: Josef Mikl (Hrsg.): Josef Mikl, Arbeiten 1988 - 1993, Wien 1994, o.P.