Josef Mikl 1929 - 2008

Alois Brandstetter: Josef Mikl, 2004

Eine frühe Bekanntschaft mit Josef Mikl, mit seinem Werk nämlich, ist verbunden mit einem Schockerlebnis. Als Teilnehmer einer Tagung im Salzburger Bildungshaus St.Virgil betrat ich des Morgens nach einer wegen der vielen lästigen Gelsen in meinem Zimmerchen unruhig verbrachten Nacht ganz zerstochen die Kapelle des Hauses, um am Morgengottesdienst teilzunehmen. In diesem Sakralraum aber begrüßten mich oder soll ich sagen überfielen mich oder soll ich sagen erschütterten mich Mikls monumentale Wandbilder, dieser riesenhafte Zug von Propheten oder sind es Apostel oder sind es Kyklopen oder sind es Giganten: 300 Quadratmeter kühn und wuchtig bemalte Leinwand! Uneinverstandene und Spötter unter den Teilnehmern jener Katholischen Hochschuljugend -Tagung hörte ich später witzeln, es seien Blockmalz- Heilige, Kirstein Blockmalz-Figuren. Und obwohl diese Assoziation gar nicht von der Hand zu weisen ist, weil die überlebensgroßen, vier oder fünfmal mannshohen Riesen irgendwie blockhaft strukturiert sind. Mikl hatte hier, wie ich später sah und  erfuhr, als ich mich mit seinem Werk vertraut gemacht hatte, von den unvergleichlichen Röhrenmenschen, die er gezeichnet und gestaltet hat und die ich in einem Heft der PROTOKOLLE von O. Breicha gesehen hatte, weitergegangen in Richtung des Kantigen, Eckigen. Musste man bei den Röhrenmenschen, was die Verbindungen der Gliedmaßen betraf, eher an Manschetten denken so nun bei den Blockigen eher an Scharniere ... Gelb-Ocker-Orange-Siena ist meine dominierende Farb-Erinnerung. Und das große Staunen nicht nur über die Dimensionen sondern auch über die Intensität der Farbe, unbunt aber intensivst. Ich hatte jedenfalls keine Schwierigkeit, diese Bilder als religiös, als mystisch und metaphysisch zu akzeptieren. Sie gingen mir nahe, sie „betrafen“ mich, sie sagten mir etwas, oder: Schrien sie mich an? Rüttelten sie mich auf und wach? So war es.
                                                                                                                                                     

Einige Jahre vorher hatte ich auf einer Exkursion der Hochschulwochen in Orth am Traunsee Josef Mikls Glasfenster in der Kirche in Salzburg, Parsch, einem Bau des Clemens Holzmeister gesehen. Das war wohl überhaupt das erste mal, dass ich eines seiner Werke bewusst erlebte. Und es war ein Erlebnis! Ein Bewusstwerden! Ein festlicher Farb-Rausch in Rot und Blau. Überhaupt ist es mir heute, als hätte mich und einige andere, die mitgegangen sind, Mikl zu einem neuen und bewussten Farberlebnis gebracht, zur Farbe auch als Droge. Ich will mich hier nicht mit kunsthistorischen oder kunstkritischen oder kunstwissenschaftlichen Äußerungen hervortun und profilieren und einen mir fremden Jargon oder Zungenschlag annehmen. Damit würde ich meinen Freund Josef Mikl auch eher ärgern als erfreuen Vielleicht würde er mir dann auch einen Schlag versetzen, so wie er den Journalisten in seinen „Havranek“-Texten Hiebe und Schläge versetzt hat. Natürlich müsste aber vom Informell und der Abstraktion die Rede sein, vom Konkreten auch der konkreten und unsemantischen Malerei. Vor allem aber will ich nicht reproduzieren, was der unvergessliche und unvergleichliche Monsignore Mauer, der Freund des Hochschulseelsorgers Karl Strobl, unser, der „Ebendorfer“ Kybernetes und theologischer Analytiker gesagt hat. Wer Mauer jemals über ein Bild Mikls wie bei den Ausstellungen „Geist und Form“ im Studentenhaus in der Ebendorferstraße sprechen und „predigen“ gehört hat , wird dies niemals mehr in seinem Leben vergessen, auch wenn er sich dessen Formulierungen im einzelnen nicht merken konnte und nur noch das immer wiederkehrende schneidende „Nicht wahr!“ in Erinnerung hat.... Bei einer solchen Gelegenheit jedenfalls habe ich das erste mal vom „deus absconditus“, dem verborgenen im „unzugänglichen Lichte“ wohnenden Gott gehört und dass ihm die abstrakte Malerei „näher“ kommt als eine naiv narrative und literarische. Jene Ausstellungen „in Ebendorf“ waren ja Vorboten oder auch Begleitveranstaltungen zu den Ausstellungen der Galerie St. Stephan“ oder später „nächst Sankt Stephan“. Dort jedenfalls wurden wir, die Bewohner des Studentenheimes über der denkwürdigen Kapelle von Uhl mit den Werken von Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Martha Jungwirth, Markus Prachensky und vielen anderen, die heute als repräsentativ gelten, bekannt gemacht. Und es gab in unserer Küche über der Kirche auch heftige Diskussionen über die Kunst des sogenannten „Mauer-Kreises“. Ich glaube nicht, dass die moderne Kunst und die Kunst überhaupt heute noch jemanden in dieser unserer Weise aufregt und kontrovers diskutiert wird, was ich durchaus schade finde. Alles hat seine Zeit, heißt es schon in Kohelet. Und ich glaube nicht, dass ein so geistreicher, zugleich aber auch engagierter und nicht ohne Pathos sprechender Mensch wie Mauer heute etwas ausrichten würde, was ich aber weniger gegen Mauer als gegen unseren banalen und nüchternen Zeitgeist gesprochen verstanden wissen möchte. Gerhard Amanshauser hat sich ja in seinem meiner Meinung nach besten Buch, dem Roman „Schloss mit späten Gästen“ mit jener Zeit literarisch und mentalitätsgeschichtlich „beschäftigt“ und im dort vorkommenden „Monsignore“ Otto Mauer „porträtiert“ oder eher karikiert und parodiert. Und so vergnüglich das zu lesen ist, so ist meine Erinnerung an Mauer doch eher wehmütig, auch nostalgisch verklärt. Hätten wir heute einen solchen Mann des Geistes. Als Mauer gestorben war, besuchte mich in meinem Haus im oberösterreichischen Pichl Prälat Karl Strobl, der Erbe auch der Mauer-Sammlung, um meinen Rat zum Grabdenkmal seines Freundes Otto Mauer einzuholen. Ich gab ihm recht, dass die Inschrift, die beiden lapidaren Wörter SACERDOS und PROPHETA den Sachverhalt träfen und dem Epitaph Wucht und Würde gäben. Ob es dazu gekommen ist, weiß ich nicht, weil ich nie an Mauers Grab war. Das würde ich aber gern einmal mit Josef Mikl zusammen nachholen. Ich bin überzeugt und glaube zu wissen, dass kein Werk Mauer so wie das von Mikl herausgefordert und „animiert“ hat, auch provoziert, was ja „hervorrufen“, „zum Sprechen bringen“ bedeutet. Mikls Bilder schrien sozusagen nach Erklärung. Und waren doch auch wieder ganz still und meditativ und kamen ohne Worte aus...
Mein „Zugang“ zu Josef Mikl ist ein besonderer und ein besonders merkwürdiger, auch kurioser, ein philologischer nämlich. Es ist Mikl, früher offenbar, als ich es wusste oder geahnt habe, mein literarisches Schaffen aufgefallen und er hat mir sehr früh zu erkennen gegeben, dass er mich wahrgenommen hat. So ist ihm eine Stelle in meinem Buch „Über den grünen Klee der Kindheit“ aufgefallen, wo ich vom Mikl-Bauern in Geisenheim, dem nächsten großen Bauern und Nachbarn meines Elternhauses in Pichl-Aichmühl spreche. Und es hat ihn, den urbanen intellektuellen Wiener wohl erheitert und belustigt, wie dort von jenem Großbauern, dem ersten Besitzer eines Traktors nach dem Krieg die Rede ist. Nicht erst dort aber habe ich mir über den Namen Mikl meine Gedanken gemacht: Mikl, im Althochdeutschen mikil hat bekanntlich „groß“ bedeutet. Es ist das ältere Wort für „magnus“. Und als Bestimmungswort kommt es auch noch in vielen alten Ortsnamenskomposita vor: Meklenburg oder Michelbeuren. Mikl war das Oppositionswort zum alten lützel , das „klein“ bedeutet hat und wieder etwa im Namen Luxemburg im Gegensatz zu Meklenburg, der „großen Burg“ oder der großen Stadt, die kleine Burg oder die kleine Stadt, aufscheint. Mikl konnotiert also eo ipso mit „Größe“. Der Zufall will es, dass ich heuer für einen anderen Jubilar, auch einen Josef, den 50 jährigen Schriftsteller Josef Winkler einen Text, eine Erinnerung an seine Anfänge und an gemeinsame Taten verfasst habe. Winkler nun ist ein Bauernsohn aus Kamering in Kärnten. Und als Bauernsohn besitzt er auch einen Vulgarnamen, nach der Bezeichnung seines Elternhauses „Enzn“. Josef Winkler ist der „Enzn Sepp“. Der Zufall will es oder eben doch das „Omen“ im „Nomen“, dass enz ebenfalls „groß“ bedeutet, ja in der alten Mundart als Steigerungspartikel verwendet wird. 2003 ist offenbar ein Jahr der Großen, des 5o jährigen Winkler, des Enzn Sepp und vor allem des 75 jährigen Alt- und Großmeisters Josef Mikl.
Und noch ein philologisches Schäuferl muss ich nachlegen. Nach der alten onomatopöetischen Lehre, nach der alle Vokale eine direkte Bedeutung haben, der wir ja auch verdanken, dass wir von „kalten“ und „warmen“ Farben sprechen, weist das I auf das Helle, auch das Spitze, das Feuer und die Hitze hin. Auch so gesehen malt Mikl wie er heißt, nicht nur groß, schier unendlich groß, wenn man an seine letzte Großtat, die Malereien im Redoutensaal der Hofburg in Wien, denkt, die wohl nicht ohne das Zutun eines anderen Alt-Ebendorfers, Erhard Buseks nämlich, zustande gekommen sind, sondern auch im Hinblick auf die warmen, ja heißen Farben von Orange bis Hochrot, von Rosa bis Kardinalsrot. Mikl echauffiert sich beim Malen, er malt sich in Hitze, vielleicht auch in Rage... So erinnere ich mich an eine Stelle in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“, wo die ergriffenen Liebenden lange wortlos am offenen Fenster stehen und in das Dunkel der Nacht hinaussehen. Schließlich sagt Werther weiter nichts als einen Namen, den Namen eines großen, verehrten Dichters, des Schöpfers des „Messias“, nämlich: Klopstock! Und nun stelle ich mir vor, Werther stünde mit seiner Geliebten heute vor einem Himmel mit dramatischem Abendrot am Horizont. Überwältigt und innerlich aufgewühlt kann er schließlich nichts sagen als einen Namen: Mikl!...

 

 

Alois Brandstetter: Josef Mikl, in: Carl Aigner und Tayfun Begin (Hrsg.): Josef Mikl, retrospektiv, 1947 - 2003, Kunsthalle Krems, Wien 2004, S 87 - 89