Josef Mikl 1929 - 2008

Alfred Schmeller, Jahrgang 29, Textauszug, 1956

 

in: Continuum (Sammelband über die Kunst Österreichs in der Mitte des 20. Jahrhunderts), Wien, 1956, S 116ff

Josef Mikl hat rasch eine Reihe von Phasen durchgemacht. Seine frühesten AKtzeichnungen könnten aus gewissen frühen Aktskizzen Herbert Boeckls entwickelt sein. Ausgangspunkt also wäre der Aktsaal der Wiener Akademie. Aus den nesselbrandigen Boeckl-Akten, denen ihre Leiblichkeit gleichsam lästig ist, zieht er die asketische Konsequenz und macht daraus mechanische Puppen. Abstraktionen. Übrigens mit Hilfe des exakt sezierenden Strichs, den Boeckl selbst aus dem brandigen Kohlestrich entwickelt hatte. Mikl denkt um, entfleischlicht, streicht Dumpf-Triebhaftes  von vornherein ab. Er denkt sofort konstruktiv.

Daraus entsteht die erste "mechanische Phase". Ein Bild ist kreuz und quer aufgebaut aus gleitenden, stählernen Formen, die geschmeidig ineinandergreifen wie die Teile einer Werk- oder Drehbank. Es sind Maschinensaal-Visionen mit science-fiction-Charakter; in die Diagonalen der Bilder schießen perspektivisch verkürzte Rollen, die auf Schienen laufen oder wie Supporte funktionieren. Mitunter denkt man auch an dunkle Magazinräume mit den übereinandergeschichteten Stoffballen eines Textillagers.

Mikls Abstraktionsweise ist skelettierend. Bald nach dem "Drehbankstil" malt er gefährliche, bösartige Sachen: greifende Knochenhände und knöcherne Rachen; in den Farben des Löwenmauls oder der Schwertlilie. Für einen Augenblick könnte man irgendein Kriminal- oder Gruselroman denken, in dem einer von merkwürdigen Krankheiten befallen wird: das Fleisch fällt von den Knochen, aber der Mann lebt weiter. Vermutlich steckt etwas anderes dahinter. Alle Bilder dieser Jahre werden zu Visionen von Knochenmühlen, Knochenklavieren, Kaskaden aus Knochen, die der Zeit widerstehen, die als einziges übrig bleiben, wenn der Mensch vermodert: Symbole des Todes. Es ist nicht zu gewagt, wenn man behauptet, daß dieser "Knochenphase" ein Erlebnis des Buben, des Schülers Mikl übermächtig nachwirkt: die Nachrichtren, Filme und Photos, die damals von den Konzentrationslagern veröffentlicht wurden. Zur gleichen Zeit zeichnet Mikl in der Art von Kinderzeichnungen Karikaturen: heftige, bösartige Schüsse auf die Exponenten und auf die Stars des Kulturbetriebs. Es ist kein Zufall, daß auf den ersten Seiten dieser "Kinderbücher" lediglich mit einer Pistole geschossen wird und daß auf dne letzten die Schußwaffen sich verhundertfacht haben: die offizielle Kunst von heute, das Theater und der Film sind in ein einziges Leichenfeld verwandelt. Kindheitserinnerungen, innere Verletzungen, Aggressionstrieb, schafen sich hier Luft. Die "Knochenphase" steigert sich dann zu einem regelrechten "Röhrenbarock". Dann kehrt Mikl zur Schärfe zurück, zum Schwarz-Weiß-Kontrast. Betrachtet man seine Stilleben, dann glaubt man sich plötzlich im Inneren riesiger Insekten, toter oder lebendiger (1952). Durch das Bild sind phantastische Verspannungen gezogen, es gibt ein Bildergerüst, wie es die Mikrokamera in anatomischern Strukturen enthüllt. Bilder, wie der Blick aus dem Auge einer Stubenfliege, ins Riesige gesteigert. Insektenhafte spielt ja in der modernen Kunst eine wichtige Rolle. Die Formen auf Mikls Bildern nehmen den Charakter des Steifen, der Insektenrüstungen an, ihrer in Scharnieren knackenden Chitons, das Starre ihrer durchsichtigen, fischbeinigen Panzer. Er ist der Porträtmaler von Gottesanbeterinnen.

 

zitiert aus: Josef Mikl, Farbe und Figur, Ausstellungskatalog, Kunsthalle Hamburg, 1981