Josef Mikl 1929 - 2008

Alexander Emanuely: Paradeiser zwischen Doppelfenstern, 2011

Zu Josef Mikls "Zwei im Wirtshaus (Theodor Kramer zugeeignet)"

 

Aus schwarzem Wein


Am 28. Februar 2008 eröffnete Josef Mikl das letzte Mal in seinem Leben eine seiner Ausstellungen. "Der Künstler ist von 17 bis 20 Uhr anwesend", wurde auf der Einladung präzisiert. Die Ausstellung - mit neuen Arbeiten in der Galerie Wolfgang Exner - lief bis zum 24. März 2008, und am 29. März verstarb der Maler im Alter von 78 Jahren. Josef Mikl verstarb fast auf den Tag genau 50 Jahre nach Theodor Kramer. Auf der Vorderseite der Einladungskarte war ein 2007 entstandenen Gemälde abgebildet: "Zwei im Wirtshaus (Theodor Kramer zugeeignet)".

Der Direktor des Künstlerhauses Peter Bogner hatte mich auf dieses Bild aufmerksam gemacht und mir geraten, Josef Mikls Witwe, die Malerin Brigitte Bruckner-Mikl zu kontaktieren. So besuchte ich sie, um die Erlaubnis für den Abdruck von "Zwei im Wirtshaus" in ZW zu erhalten, und vor allem, um mehr über die Entstehung des Bildes zu erfahren. Sie zeigte mir sogleich die riesige Bibliothek ihres verstorbenen Mannes und führte mich durch sein Atelier. Einiges schien noch dort zu liegen, wo es Josef Mikl zuletzt hingelegt hatte. Zum Glück, denn sie brachte mich zu einem kleinen Hocker, auf dem ganz oben Theodor Kramers "Vom schwarzen Wein" lag, der 1956 von Michael Guttenbrunner herausgegebene Kramer-Sammelband. Wir schlugen das schwarze Büchlein auf und zwischen den Seiten 32 und 33 - gleich zu Beginn der aus "Mit der Ziehharmonika" ausgewählten Gedichte - war ein Lesezeichen eingelegt. Auf Seite 32 endet "Ein Krampenschlag vor Tag" und auf Seite 33 beginnt "Der böhmische Knecht".

Das Ende von "Ein Krampenschlag vor Tag" lautet:

 

Den tiefen Riß, du schüttest nicht,

so lang du lebst, mit nichts ihn zu.

Am Barren schwingt das rote Licht,

die fahlen Sterne gehn zur Ruh.

Ein Zug geht, draußen auf dem Steig

verhallt der letzte Krampenschlag;

ans Fenster schlägt ein schwarzer Zweig.

Mich friert. Es ist noch lang nicht Tag.

 

Und in "Der böhmische Knecht" heißt es:

 

Immer hat im Wirtshaus sich beim Zechen

wer gemuckt, der mir mein Bier nicht gönnte;

und ein andrer hat mir vorgerechnet,

was ich am Tabak ersparen könnte.

Doch der Rausch ist mir mein Recht gewesen

und der Pfeifenrauch die eigne Hütte;

sehr entbehrt ich beides, seit ich Besen

binden muß und schon den Kumpf verschütte.

 

Meine Lungen sind belegt und heiser,

niemand wird mich also freundlich pflegen

wie sie hierzuland die Paradeiser

zwischen Doppelfenstern reifen legen.

Drum im Sonntagsstaat bei voller Flasche

laß ich wiederum die Pfeife qualmen,

weiß die Rebschnur in der Außentasche

und ein Holzkreuz vor den Schachtelhalmen.

 

Ein tiefer Riß, rotes Licht, schwarze Zweige, das Bier, ganz gelb, die Paradeiser, der Qualm... In Josef Mikls "Zwei im Wirtshaus" finde ich all die von Theodor Kramer evozierten Farben wieder.

Ein wichtiger Hinweis für die Entstehungsgeschichte des Bildes kam von Brigitte Bruckner-Mikl: der Lyriker und Essayisten Michael Guttenbrunner war einer der ältesten, streitsüchtigsten, liebsten Freunde ihres Mannes. Michael Guttenbrunner war übrigens in seiner Jugend selbst einmal Knecht gewesen, zwar kein böhmischer, sondern ein kärntnerischer. Die Freundschaft zwischen beiden muss weit zurück gereicht, könnte ihren Anfang in den 1950er Jahren im Art Club, im "Strohkoffer" genommen haben. In dieser Zeit stand Michael Guttenbrunner - genau genommen von 1951 bis 1958 - in einem intensiven Briefwechsel mit Theodor Kramer und gehörte neben Willy Verkauf-Verlon zu den wenigen, die sich im ersten Jahrzehnt nach 1945 um eine Neuauflage alter, bzw. um die Publikation neuer Gedichte Theodor Kramers erfolgreich bemühten.

 

 

Jugend tiefere Welten

Von meinem Besuch bei Brigitte Bruckner-Mikl kehrte ich reich beschenkt nach Hause zurück. Neben dem Katalog der letzten Ausstellung ihres Mannes, gab sie mir auch den schweren Band "Deckenbilder und Wandbilder - Großer Redoutensaal - Wiener Hofburg 1994-1997" mit. Die großflächige Arbeit Josef Mikls für den Redoutensaal war als Hommage an die Literatur gedacht. Die Arbeit ist Johann Nestroy und Ferdinand Raimund einerseits und Karl Kraus und Elias Canetti andererseits gewidmet. Es geht dabei "um die 'Idee' des Gedichts", wie Otto Breicha zum Deckenbild schrieb. Ausgangspunkt war Karl Kraus' "Jugend" von 1917, in dem es fast programmatisch in 27sten von 34 Strophen heißt:

 

Kunst war nicht Nebenbei,

konnte noch gelten,

rief als ein Wolterschrei

tiefere Welten1

 

Für Josef Mikl waren Karl Kraus' Schriften schon in "jungen Jahren [...] das Salz zur Suppe".2

 

 

Tod - Fleischmarkt - 1958

Am 3. April 1958 starb Theodor Kramer. In der selben Woche konnte man im "Theater am Fleischmarkt" Michel de Ghelderodes "Escorial" mit Klaus Kinski in der Hauptrolle sehen. Kinski hatte übrigens zur Eröffnung des Theaters Anfang März erstmals sein Rimbaud-Programm vorgetragen. Plakat, Katalog, Bühnenbild und Kostüme zum Ghelderode-Stück waren von Josef Mikl, der über diese Zeit schreiben wird:

Das Theater am Fleischmarkt lebte intensiv, aber kurz.

 

Nache erfolgter Gründung, mit uns als guten Vorstandsmitgliedern, kamen Stücke von Beckett, Feydeau, Ghelderode, Genet, Ionesco.

Allerdings wurde meine bereits affischierte Lithographie, Theaterplakat, vom Direktor mit Publikumsangst überpickt.

Kein gutes Omen.

Publikum kam nicht, schlechte Kritiker kamen, Witzeleien, Dummheiten, Gelächter für unsere Dichter und Maler-Bühnenbilder.

Die engagierten Darsteller spielten täglich vor wenigen, Freikarten eingerechnet.

Schandbares Wien mit seinem schandbaren Kunstverhalten.

Die Inkubationszeit bis zur Anerkennung der Qualität dauert hier über hundert Jahre und länger.3

 

Der überklebende Theaterdirektor war Herbert Wochinz, der gerade fünf Jahre in Paris gelebt und dort viele der von ihm in der Folge in Wien aufgeführten Autoren - wie Samuel Beckett und Eugène Ionesco - kennengelernt hatte. In einem "schandbaren Wien" hat Theodor Kramer also sein letztes Lebensjahr verbracht. Aber das ahnte hat er bereits 1952, als er, die Kritiker meinend, schrieb: "Wie lange wird mich das Gesindel noch totschweigen?"4

 

 

ÖZ - FORVM - Die Kritiker

An sich meinten es die Wiener Kritiker weder mit Theodor Kramer, noch mit der modernen Malerei gut. In der von den sowjetischen Besatzungsmacht herausgegebenen "Österreichischen Zeitung" zog Fritz Hermann über das "amerikanische Drauflosgeschmiere" her; anlässlich der Marc Chagall-Ausstellung 1953 schrieb er: "Denn die 'Kunst', die Menschengestalt zu verzerren, ist ebenso eine Kampfwaffe des Kapitalismus."5 Und Samuel Beckett verfasste in den Augen der Theaterkritiker der "Österreichischen Zeitung" sowieso nur "super-existenzialistischen Trübsal".6 Ein Theodor Kramer hingegen wurde von Autoren der "Österreichischen Zeitung", so Hugo Huppert7, vermisst und es wurde bedauert, dass er noch immer im Exil lebe.

Nicht unähnlich, vielleicht etwas diplomatischer formulierend, rezipierte die "Gegenseite" Theodor Kramer einerseits und die "Moderne" andererseits. Friedrich Torberg, professioneller "Antikommunist" und Herausgeber der vom "Kongreß für kulturelle Freiheit" mit CIA-Geldern gestützten 1954 gegründeten Zeitschrift FORVM, dürfte auch nicht viel von Genet, Beckett und Ionesco gehalten haben, dafür um so mehr von SchauspielerInnen, vor allem von Kinski, und von den beiden Fleischmarkt-Regisseuren Herbert Wochinz und Roger Blin. Roger Blin war extra aus Paris eingeflogen worden, wo er immerhin als der prägende Regisseur der Aufführungen von Beckett und Genet galt. Torberg schrieb im FORVM:

 

Hier kam man ohne Mühe auf jene Kosten, die das "Theater am Fleischmarkt" nicht gescheut hatte und die es auch einer Gruppe bildender Künstler zugute kommen ließ, um ihnen, die in ihrem Fach schon sehr Erhebliches geleistet haben, erstmals die Chance zu geben, sich an Bühnenbildern und Kostümen zu erproben: Wander Bertoni, Wolfgang Hutter und Josef Mikl.

Wien hat ein Avantgarde-Theater. Die kleine Schar verschworener Partisanen quittierte es mit dem Ausruf "Endlich!", die größere Anzahl der Nichtvereidigten mit der Frage "Wozu?"8

 

Als die nächste Ausgabe des FORVM erschien, war Theodor Kramer bereits gestorben. Im FORVM waren wiederholt Gedichte Kramers publiziert worden; 1956 war sogar ein kleiner Aufsatz Kramers erschienen, "Über das Schreiben von Gedichten im Exil".9 Auf derselben Seite dieser Ausgabe befindet sich übrigens ein ausführliches Porträt über den im Exil lebenden spanischen Lyriker Juan Ramón Jiménez, der 1956 den Literatur-Nobelpreis erhielt. In Memoriam Kramer schrieb Torberg 1958:

 

Ein Invalider noch vom ersten Weltkrieg her, ein Eigenwilliger und Eigensinniger, geplagt und jeder Plage aufgetan, leidend und manchmal unleidlich, mit zwanzig Jahren einer qualvollen Emigration hinter sich: so kam er 1957 nach Wien zurück, und so ist er, sechzigjährig, am 3. April 1958 hier gestorben – gerade als die Heimat (ein wenig schwerfällig, wie in solchen Fällen zumeist) sich wieder auf ihn besann [...]10

 

Vier Seiten später kann man von Friedrich Abendroth "Vorwärtz, es geht zurück. Zur positiven Bedeutung des Avantgarde-Theaters" lesen, eine Verteidigung des Absurden Theaters, wie Martin Esslin es genannt hat, gegen Torberg:

 

Unsere Gesellschaft, die durch die Krise des Wortes in jeder Hinsicht bestimmt und gezeichnet ist, kann sich eben deswegen auf der Bühne nicht mehr darstellen. […]

[Beckett und Ionesco versuchen], das scheinbare Paradoxe wenigstens zu beginnen: mit der Auflösung der Form das Theater selbst zu retten.11

 

Was sich in der Literatur abspielte, vollzog sich auch in der Malerei. Für viele KünstlerInnen schien das Gegenständliche ebenfalls in einer Krise der Darstellbarkeit zu stecken. Und einer der ersten Maler, der dies in Wien für sich wahr nahm, war Josef Mikl.

 

In den letzten Jahren seines Lebens sträubte sich Theodor Kramer, sich mit zeitgenössischer Literatur, vor allem der Lyrik, zu befassen. Er fand, seinen Briefen zufolge, keinen Bezug zu ihr. Primus-Heinz Kucher fasst über Theodor Kramers "lyrische Manufaktur" der 50er Jahren zusammen:

 

[...] ich plädiere jedenfalls dafür, darin einen Ausdruck jener Isolation zu erblicken, die es Kramer verunmöglicht hat, am literarischen Diskurs der 50er Jahre teilzunehmen bzw. ihm vorurteilsloser zu begegnen.12

 

Begeisterung und Interesse brachte er für Romane von Zeitgenossen wie Ignazio Silone, ebenfalls einem Exilierten, und für den Widerstandskämpfer und Nobelpreisträger von 1957 Albert Camus und dessen "Pest" auf. Von Dino Buzzati las er die englische Übersetzung der "Die Tatarenwüste" von 1952. Die Geschichte des Leutnants Drogo beschreibt das Schicksal eines Mannes, der sich diesem durch Abwarten widerstandslos ergibt. Kurz vor seinem altersbedingten Tod erkennt er, dass er falsch gehandelt, sein Leben vertan hat. Elias Canetti war für Theodor Kramer vor allem eine faszinierende Persönlichkeit.13


Ionesco und Beckett sind zwar inhaltlich von Camus und Buzzati nicht weit entfernt, doch hätte es für den Dichter erst in den letzten Wochen seines Lebens die Möglichkeit gegeben, sich im "Theater am Fleischmarkt" intensiver mit ihnen auseinanderzusetzen, so wie wohl auch mit der Ausstattung durch den jungen Maler Josef Mikl. Vielleicht hatte er noch die Kraft und den Kopf dafür, Torbergs Rezension zu lesen, denn das FORVM, als eine der wenigen ihn in Österreich regelmäßig publizierenden Zeitschriften, hat er mit Sicherheit bezogen.

 

 

Guttenbrunner – Mikl – 1969

1959 heiratete Michael Guttenbrunner Maria "Winnetou" Zuckmayer, die Tochter von Carl Zuckmayers, der im selben Jahr im FORVM noch über Theodor Kramer schrieb:

 

Im vergangenen Jahr, im Vorfrühling 1958, starb in Wien – verarmt, vereinsamt und nur noch einem schmalen Lesekreis bekannt – der Mann, den man als den stärksten Lyriker Österreichs seit Georg Trakl bezeichnen kann: der Dichter Theodor Kramer.14


Danach wurde es um Theodor Kramer lange still im FORVM und nicht nur dort. Genau zehn Jahre nach Carl Zuckmayer erschien Michael Guttenbrunners ausführlicher Essay "Verhängte Welt" über den "vergessenen" Theodor Kramer in der mittlerweile "Neue FORVM" heißenden Zeitschrift. Guttenbrunner fasste beim Beschreiben von Theodor Kramers Werk zusammen, wie er dessen lyrische Porträts gezeichnet sieht:

 

So ist jede Gestalt schwarz umrandet und mit unheimlich leuchtenden Tinten ausgefüllt.15

 

Im gleichen Heft, gerade auf den beiden Seiten davor, findet sich eine "Hawranek"-Geschichte von Josef Mikl, "Der Meteorfall auf Fürchten am 13. Juni 1313". Mikl hatte die Journalistenfresserin Hawranek erfunden, um sich, der eben erst zum Professor an der Akademie für bildende Kunst ernannt worden war, mit den Wortwaffen der Satire gegen die "Zeitgeist"-Journalisten wehren zu können. 1963 hatte er die erste "Hawranek"-Geschichte geschrieben, nach vielen anderen "satirischen Schriften" seit 1947. "Das Wort Zeitgeist ist eine Beleidigung."16 Josef Mikl hatte erlebt, was Zeitgeist heißt, so am 6. November 1965, als er in der Galerie "Nächst St. Stephan" eine Lesung mit Elias Canetti organisiert hatte. Inmitten von Arbeiten Mikls und Zeichnungen des Bildhauers Robert Müller, auch "Eisen-Müller" genannt, trug Canetti "Die Befristeten" vor. "Nach 700 verschickten Einladungen kamen 25 Besucher, die vielen Sessel blieben leer."17

Die Beiträge der beiden Freunde Josef Mikl und Michael Guttenbrunner im "Neuen FORVM" werden von einer seitenfüllenden Zeichnung des Künstlers getrennt - für mich eine "Gestalt schwarz umrandet", bei der nur die "leuchtenden Tinten" mangels Farbdruck fehlen. Dafür leuchtet das Bild "Zwei im Wirtshaus" um so mehr... Und plötzlich zeichnete es sich mir ab: die "Zwei im Wirtshaus" sind Michael Guttenbrunner und Josef Mikl, die sich einem Gespräch über Kramer und gegen den Zeitgeist hingeben.

 

 

Anmerkungen

1 Josef Mikl: Deckenbilder und Wandbilder - Großer Redoutensaal - Wiener Hofburg 1994-1997. Wien 1997, 33. - Der Wolterschrei ist nach der publikumswirksamen Stimme der Burgschauspielerin Charlotte Wolter (1834 - 1897) benannt

2 Ebenda, 84.

3 ebenda, 57.

4 Primus-Heinz Kucher: "Wie das Laub, das grün verdorrt [...] schwinde vor der Zeit ich fort." (1.9.1954) – Theodor Kramers Lyrik und "lyrische Manufaktur" in den 50er Jahren .In: Herbert Staud, Jörg Thunecke (Hg.): Zwischenwelt 7. Chronist seiner Zeit. Theodor Kramer. Klagenfurt/Celovec 2000, 282.

5 Michael Kraus: "Kultura". Der Einfluss der sowjetischen Besatzung auf die österreichische Kultur 1945-1955. Diplomarbeit, Wien 2008, 275.

6 Ebenda, 225

7 Ebenda, 207
8 FORVM H. 52 (1958), 144.

9 FORVM H. 35 (1956), 413.

10 FORVM H. 53 (1958), 186.

11 Ebenda, 190

12 Kucher, wie Anm. 4, 291.

13 Ebenda, 290.

14 FORVM H. 67-68 (1959), 272.

15 Neues FORVM H. 192 (1969), 748.

16 Mikl, wie Anm. 1, 150.

17 Ebenda, 111.

 

erschienen in Zwischenwelt. Zeitschrift für Literatur, Widerstand und Exil. 28. Jg., 1-2/2011. S.II-IV.