Josef Mikl 1929 - 2008

Albert Schulze-Vellinghausen: Wo Mikl steht, 1967

Wer die frühen, gerüsteten Männer Josef Mikls kennt, Figuren in einem Harnisch, der sowohl zu den Raketen von Cap Kennedy wie zu den Turnieren der Babenberger Herzöge passen könnte, muß die Weite bewundern, die des Künstlers optische Vision umfaßt. Der heutige Mikl „schreibt" - in mitunter beträchtlich großen Formaten - auf den zumeist einfarbigen Gründen mit einem breiten Pinsel die schraffierten, leuchtenden Majuskeln seiner Weltsicht. Es ist eine freie Schrift einer ganz unabhängigen Raumordnung; oftmals zu großen Kaskaden gestaut und rhythmisiert. Schrift, die sich nur „lesen" läßt, wenn man sich - kritisch und dennoch verliebt - der großen Kulisse des barocken wienerischen Theaters erinnert. Eines reichen, strömenden Barocks, das von dem Zeremoniell der großen Oper über das Anti-Zeremoniell Papagenos bis zu Raimunds Zauberbühne reicht.
 

Was auf Mikls Bildern die Fremden - und das sind in diesem Falle wir - oftmals fasziniert, ist das typisch österreichische Gelb, in welchem zu Zeiten der K. u. K. Monarchie sämtliche ärarischen Gebäude, von Kufstein bis Zagreb, angestrichen waren: Kasernen, Postämter, Bahnhöfe, Zoll- und Brückenhäuser, Jagdschlößchen und Tabaktrafiken - eine Welt in strahlend freundlichem Gelb. Auch sie - Kulisse; aber von einer Intensität, die sich, mehr oder minder stark, in die Palette der Maler einzuschleichen vermochte. Ein Nachwehen Tiepolos, aufzufinden auf manchen Bildern des mittleren Kokoschka, bei dem großartigen Richard Gerstl und eben, hie und da, bei Mikl. Auch da noch, wo es durch den Gestus japanischen Schilfrohrs oder des chinesischen Bambushaines ganz einfach durch die Gebärde einer abstrakten Großschrift verstellt wird, bleibt es (der Maler möge es mir verzeihen!) das gute, dynamisch verrottete Altgelb. Wir in Westfalen können das „so" nicht. Bei uns würde es - siehe Josef Albers - trocken, kühl und von reinem Geist.
Welches Glück, daß uns wenigstens die Künste noch Unterschiede, subjektiv und subtil, zur Verfügung stellen! An ihnen kann sich der Kritiker, Liebhaber und auch der Künstler selbst prüfen, testen, messen und - erfreuen. Ist das erlaubt nach Hiroshima und Auschwitz? Wer Kunst produziert, fragt nicht danach. Er tut, er macht, er sucht und arbeitet - und sei es in einen Abgrund hinein.

 

 

Albert Schulze-Vellinghausen: Wo Mikl steht, 1967, in: Josef Mikl (Hrsg.): Josef Mikl, Johann Nestroy, Häuptling Abendwind Vorarbeiten Bühnenentwürfe Ölbilder Graphik 1994 - 1998, Wien 1999, o.P.

 

und

 

in: Carl Aigner und Tayfun Begin (Hrsg.): Josef Mikl, retrospektiv, 1947 - 2003, Kunsthalle Krems, S 76